"Es ist der Körper, mit dem wir uns befassen": ein Interview mit der neuen künstlerischen Leitung des Tanzquartier Wien

Seit letztem Herbst liegt die künstlerische Ausrichtung des renommierten Wiener Hauses in den Händen von Isabel Lewis und Rio Rutzinger. Wir haben mit ihnen über die letzten Monate sowie über Gegenwart und Zukunft des TQW gesprochen

Im Oktober 2024 wurden Isabel Lewis und Rio Rutzinger nach langer Suche als neue künstlerische Leiter:innen des 2001 eröffneten Tanzquartier Wien bestellt. Ein knappes und herausforderndes Jahr später, in dem das Programm der ersten gemeinsamen Saison zusammengestellt und das Team kennengelernt wurde – und für Lewis auch der Umzug nach Wien auf der Agenda stand –, eröffneten die beiden erfahrenen Kurator:innen das Haus mit einer von Lewis gehosteten Opening Occasion und einem daran anschließenden mehrtägigen Open House mit unterschiedlichsten Angeboten bei freiem Eintritt. Nun, ein halbes Jahr nach ihrem ersten „künstlerischen Aperitif“, erzählen Rutzinger und Lewis über wichtige Stationen der letzten Monate, wo sie aktuell stehen und wie ihre programmatische Reise weitergeht.

Interview: Angela Heide

Angela Heide

Wie geht es euch aktuell, ein halbes Jahr nach der Eröffnung des Tanzquartiers in eurer künstlerischen Leitung?

Isabel Lewis

Die letzten Monate waren überaus herausfordernd. Für meinen Teil würde ich sagen, dass wir so schnell hineingestartet sind, dass wir einige Monate lang schlicht nur im Überlebensmodus funktioniert haben. Aber jetzt beginnen wir, die Konturen all dessen zu verstehen, was in einem Haus, das so viele Säulen in sich birgt und mit einem derart hohen Grad an Verantwortung in so vielen Bereichen agiert, gebraucht und gefordert wird. Ich habe das Gefühl, dass wir nun einen Punkt erreicht haben, von dem aus wir weiter tanzen können.

Angela Heide

Ihr habt viele Mitarbeiter:innen schon vorher gekannt, habt mit ihnen auch schon gearbeitet. Was hat sich dennoch in dieser Hinsicht geändert, nun, da ihr gemeinsam vor Ort ein Haus in der Dimension und Komplexität des Tanzquartier Wien programmatisch verantwortet?

Rio Rutzinger

Man denkt sich, man kennt alle ja schon, hat schon zusammengearbeitet. Und dennoch ist es für alle überwältigend. Man fängt in gewisser Weise wieder bei null an.

Isabel Lewis

Jede Produktion und jede Veranstaltung ist ein großer Schritt in Richtung Vertrauensbildung innerhalb des Teams.

Angela Heide

Euer Konzept beinhaltet das Thema Öffnung in vielerlei Hinsicht und reicht von internen Strukturen über neue Formen von Kollaboration bis hin zu zeitgenössischen Begegnungsweisen mit dem Publikum. Es ist also ein sehr langer Prozess, den wir in diesem Interview thematisieren und im Grunde noch ganz am Anfang beleuchten.

Rio Rutzinger

Das eine ist, für ein Konzept, das „Open House für Dance und Performance Cultures“ heißt, nominiert zu werden. Es war sicher ein Grund für die Auswahljury, sich für uns zu entscheiden, dass Isabel und ich in so vielen Bereichen langjährige Expertisen mitbringen: Isabel mit ihrer Gastgeberkultur, die aus ihrem künstlerischen Format namens Hosted Occasions, ich als Kurator mit einem sehr breiten Weiterbildungsspektrum, den Workshops bei ImPulsTanz, den Public Moves, dem danceWeb. Dass wir gerne Menschen zusammenbringen und für verschiedenste Hintergründe offen sind, war sicher ebenfalls entscheidend, wobei das auch unsere Vorgänger:innen getan haben, nur haben wir es eben zum Programm gemacht. Das andere ist, ein Haus auch tatsächlich dahingehend zu öffnen.

Isabel Lewis

In der Ausschreibung gab es eine sehr genaue Definition der drei Säulen, die das Tanzquartier ausmachen, und es ist unser Auftrag, uns mit allen drei Säulen gleichermaßen zu befassen. Wir haben aber erst, als wir hier zu arbeiten begonnen haben, einen genauen Einblick in die dahingehende Verteilung des Budgets bekommen und können so etwa erst ab dem zweiten Jahr vermehrt in die Workshops und Forschungsprojekte investieren. Zentral ist für uns, kontinuierlich zu schauen, was gebraucht und gewollt wird. So ist für uns klar, dass der Vermittlungsbereich und das Angebot der Mediathek ausgeweitet werden müssen. Zugleich befinden wir uns alle in finanziell herausfordernden Zeiten, sodass wir sehr konzentriert darauf sein müssen, diese punktgenau dorthin fließen zu lassen, wo sie am meisten gebraucht werden. Nachdem ich aus den Bereichen Theorie und Lehre komme, kann ich hier zwar auch selbst viel anbieten und abdecken, und wir haben eine Kollegin im Team, die von Beginn an hier tätig ist und sehr, sehr viel weiß und kann. Dennoch ist uns bewusst, dass es noch viel mehr brauchen würde, um Tanz nicht nur einer breiteren Öffentlichkeit zugänglicher zu machen, sondern auch die Tanzszene auf diskursiver Ebene nachhaltig zu begleiten. Der Fokus, wenn es um das Budget geht, liegt wiederum auf den Produktionen und Koproduktionen, und auch das nehmen wir sehr ernst und wollen verlässliche Koproduktionspartner:innen bleiben – zugleich, wie bereits beschrieben, neue Formate entwickeln, die weniger Show- denn Prozess-orientiert sind.

Angela Heide

Ihr kennt einander schon lange. Was hat euch nun gereizt, diese große Aufgabe im Team anzugehen?

Isabel Lewis

Als Kuratorin war ich bereits 2007 am Tanzquartier Wien eingeladen. Damals realisierten wir, unterstützt vom dortigen Austrian Cultural Forum, ein Austauschprogramm zwischen New York und Wien, das sich Reimagining Utopia nannte. Als ich dafür zum ersten Mal hier ans Haus kam, durch die Studioräume ging und die Bibliothek und Mediathek sah, war ich überwältigt und stolz, dass es im Zentrum einer Weltstadt wie Wien einen Ort gibt, der sich mit dieser Konzentration und Intensität genau jenem künstlerischen Feld widmete, in dem ich selbst arbeite. Aber dass ich jemals nach Europa ziehen würde, daran habe ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht gedacht.

Tatsächlich war Rio jedoch der Erste, der mich als Künstlerin nach Europa eingeladen hat. Ich habe damals in New York gelebt und dort ein neues Workshop-Format entwickelt, mit dem ich noch heute arbeite – Communal EPIC Fiction. Rio hatte davon durch meine Schwester Ligia erfahren, die 2010 im Rahmen von DanceWeb in Wien tätig war.

Rio Rutzinger

Ligia und ich haben in diesem Sommer viel über Leben und Kunst als „Familie“ gesprochen, und als sie in diesem Zusammenhang auch über ihre Schwestern und deren Projekte erzählte, war ich sofort begeistert und habe Isabel kurz danach kontaktiert.

Isabel Lewis

Auf Einladung von Rio habe ich begonnen, bei ImPulsTanz Workshops zu Communal EPIC Fiction zu halten – und bin nach Berlin gezogen.

Rio Rutzinger

Isabel und ich sind seit unserer ersten Begegnung in Kontakt geblieben und haben uns kontinuierlich intensiv über unsere Arbeit und Projekte ausgetauscht.

Isabel Lewis

Rio hat sich von Beginn an für meine eigene choreografische Arbeit interessiert. Das war sehr wichtig für mich, denn ich wurde in Berlin vor allem als Künstlerin im Kontext der bildenden Künste wahrgenommen. Ich hatte Einzelausstellungenin der Tate Modern in London, in der Dia Foundation in NYC sowie auf diversen internationalen Biennalen, war aber als Künstlerin eigentlich quer durch die Genres Choreografie, Musik, Theater und eben bildende Kunst zuhause. Ich habe nach einigen Jahren in Deutschland eine Professur an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig angenommen, dort aber bereits in der Klasse für performative Kunst. In Leipzig arbeitete ich bald mit Thomas Frank zusammen, der zuvor künstlerischer Leiter von brut Wien gewesen war.

Wir sind ein Ort, der sich der Entwicklung der lokalen Szene ebenso verschrieben hat wie der Zusammenarbeit auf internationaler Ebene

Isabel Lewis
Angela Heide

Berlin war also in der Rückschau ein wichtiger Schritt näher zu Wien und zum Tanzquartier.

Isabel Lewis

Das stimmt, aber geplant habe ich es nicht. Meine Schwestern Ligia und Sarah lebten damals schon in Berlin, also war es für mich ein möglicher Schritt, ihnen in diese Stadt zu folgen.

Angela Heide

Gibt es in deinen Augen einen Grund dafür, warum deine Arbeiten so lange eher im Kontext der bildenden Kunst und neuen Musik wahrgenommen wurden?

Isabel Lewis

Ich denke, es war eine Zeit lang schlichtweg leichter lesbar in der zeitgenössischen bildenden Kunst, in der es schon seit Langem immer auch um das „Format“ geht – und immer auch um einen Blick zurück auf die Malerei und andere Kunstformen, die in Wellenbewegungen immer wieder aufgegriffen und neu kontextualisiert werden. Auch für mich ist diese Frage nach dem Format eine zentrale. Ich definiere Kunst als sozialpolitischen Raum und untersuche die Art, wie wir Körper im Raum organisieren und wie wir uns im Raum bewegen, das ist in meinen Augen bereits eine Art soziales Dramaturgie.

Rio Rutzinger

Ein Aspekt deiner Arbeit, den ich sehr spannend finde, ist, dass du dich auch wesentlich mit Zeit beschäftigst, statt Performances zu realisieren, die um acht Uhr anfangen und um neun Uhr zu Ende sind. Deine Projekte dauern oft ganze Tage oder ziehen sich über Wochen, und wir sind manchmal, im Unterschied zu den visuellen Künsten, noch nicht bereit dafür.

Isabel Lewis

Ich habe in meiner Karriere auch klassische frontale Produktionen realisiert, aber mich dann in eine ganz andere Richtung entwickelt. Es wurde für mich Mal um Mal schwieriger, in New York Projekte umzusetzen, die nicht in ein vorgegebenes Format passten. Das war sicher auch mit ein Grund, warum ich nach Europa gegangen bin.

Angela Heide

Hat sich die Situation seit deinem Umzug vor rund 15 Jahren geändert?

Isabel Lewis

Es gab eine Zeit, in der die bildenden Künste spannender waren, wenn es um die Frage des Experimentierens mit Formaten geht, das hat sich aber wesentlich geändert, und heute finde ich ähnlich aufregende Fragestellungen auch in den performativen Künsten – und das, obwohl die Theater nachhaltig mit stetig schrumpfenden Budgets kämpfen. Als ich vor 20 Jahren meine Projekte zum ersten Mal vorgestellt habe, hatten die wenigsten Programmleiter:innen wirklich Interesse daran; heute sind sie wesentlich gefragter. Wir können das auch an den Einreichungen erkennen, die wir nun selbst am Tanzquartier Wien bekommen. Da finden sich immer wieder einander ähnelnde Ideen, wie man zeitgenössische Arbeiten in Tanz und Performance präsentieren kann. Es gibt aber immer noch viele Projekte, die klassisch frontal arbeiten, den Raum als Dispositiv traditionell nutzen und dabei überaus spannend und erfüllend sind.

Rio Rutzinger

Meine eigene Sozialisation im Tanz- und Performancebereich begann zu einem Zeitpunkt, an dem sich Tanz und Performance davon zu distanzieren begannen, sich nur durch Choreograf:innen und Tänzer:innen zu definieren. Anfang der Neunzigerjahre kamen erstmals Künstler:innen wie Meg Stuart nach Österreich und befeuerten durch die Kollaboration mit ihren Tänzer:innen auf Augenhöhe die auch hier einsetzende Diskussion um Autor:innenschaft. Dieser Veränderungsprozess setzte tatsächlich genau zu dem Zeitpunkt ein, an dem ich bei ImPulsTanz zu arbeiten begann. Ich habe also von Beginn an kontinuierlich Aspekte wie Hierarchie, Position, Sichtbarkeit und Veränderung reflektiert.

Es ist ein genuin menschlicher Wunsch, sich zu bewegen und sich mit dem Körper auszudrücken, auch wenn unsere Lebens- und Arbeitsrealitäten dieses Bedürfnis immer mehr einschränken

Rio Rutzinger
Angela Heide

Wie würdet ihr aus euren je persönlichen Arbeitsbiografien heraus beschreiben, was ihr am Tanzquartier Wien umsetzen wollt?

Rio Rutzinger

Mit dem, was ich bei ImPulsTanz begonnen habe – und Public Moves ist hier nur eine konsequente Weiterführung –, ist zu schauen, inwieweit die Praxis des Tanzens zu uns allen gehört. Es ist ein genuin menschlicher Wunsch, sich zu bewegen und sich mit dem Körper auszudrücken, auch wenn unsere Lebens- und Arbeitsrealitäten dieses Bedürfnis immer mehr einschränken. Es gibt kaum ein Kind, das es nicht liebt, auf der Bühne zu stehen, auch wenn ich selbst, wie so viele Erwachsene, Angst habe, eine leere Bühne zu betreten.

Isabel Lewis

Ich selbst komme aus dem klassischen Tanz und habe die Techniken des zeitgenössischen Tanzes gelernt. Umso reflektierter habe ich mich von Beginn an damit beschäftigt, und dieser kritische Zugang ist es, der mich von Beginn an motiviert. Ich habe mich etwa gefragt, was es heißt, auf Beton zu tanzen und mit Sneakers, oder was es heißt, das eigene Gewicht einzusetzen. Ich will meinen Körper darin trainieren, das zu tun, was mich persönlich künstlerisch interessiert, und nicht, wie ich ihn auf einem idealen Tanzboden bewege. Und ich wünsche mir für unser Feld, dass es sich noch mehr mit anderen zeitgenössischen Diskursen verbindet, etwa mit Mode oder Musik. Hier sehe ich nicht unbedingt den „Fehler“ bei den Künstler:innen selbst, wenn diese Begegnungen noch nicht die Intensität erreichen, die möglich wäre. Es geht hier auch um institutionelle Strukturen und wie sich diese gestalten – von Formen der Spezialisierung bis zu Förderstrukturen, die uns zwingen, uns mit speziellen Genres zu beschäftigen, um uns in eine bestimmte Richtung zu bewegen und Sichtbarkeit zu erzeugen und damit wieder Fördermittel zu generieren. Mein Wunsch, wenn es um das weite Feld des Tanzes geht, ist es, starke künstlerische Positionen zu fördern und sichtbar zu machen, die sich wiederum in einen Dialog mit anderen zeitgenössischen Künsten begeben. Daher ist es für uns wichtig, dass dieses Haus eines ist, an dem Arbeiten gezeigt werden, an dem aber auch recherchiert und entwickelt werden kann: Wir sind sechs Tage in der Woche geöffnet; wir bieten Research-Tools; wir sind zugänglich für jede:n. Wir sind ein Ort, der sich der Entwicklung der lokalen Szene ebenso verschrieben hat wie der Zusammenarbeit auf internationaler Ebene. Und wir wollen die Formen und die Diskurse innerhalb dieser Formen weiterentwickeln. Wir haben in dieser ersten Saison so unterschiedlich arbeitende Künstler:innen wie Tino Sehgal (This Variation), Alberto Cortés (Analphabet) und Simone Aughterlony (Collapse in 5 Acts: there’s porn of it) zu Gast, mit denen ich mich seit Langem über ästhetische Fragestellungen austausche. Wir freuen uns sehr, dass wir hier so unterschiedliche künstlerische Ansätze behandeln können. 

Rio Rutzinger

Das ist auch ein Grund, warum wir so viele Kollaborationen haben: weil wir hoffen, dass diese auch die angesprochenen Diskurse anregen. Ich glaube, dass knapper werdende öffentliche Mittel nicht nur eine Realität sind, die uns auffordert, unsere ganze Energie dahineinzulegen, mehr zu bekommen – wir müssen auch schauen, mehr voneinander zu bekommen. Und das, was wir anbieten, ist ein Versuch in diese Richtung, ohne irgendjemanden dazu zu zwingen. Wir wollen jene holen, die interessiert sind, und bieten ein Zentrum, an dem man ohne Zwang lernen und neue Menschen kennenlernen kann. Und das über alle Spartengrenzen hinweg.

Angela Heide

Ein Thema, das Künstler:innen seit Jahrzehnten beschäftigt, ist, wie man neue Publikumskreise erreicht, eben eine Einladungskultur entwickelt, die nicht zwanghaft, aber inspirierend Menschen welcher Kunstform auch immer zuführt. Wie seht ihr das?

Rio Rutzinger

Was ich immer an ImPulsTanz geliebt habe, ist, dass wir dieses menschliche Bedürfnis, sich durch den Körper auszudrücken, unterstützen. Und das ist es auch, was wir am Tanzquartier Wien anbieten. Je intensiver man sich mit einer Kunstform wie dem Tanz befasst, umso deutlicher erkennt man, dass der Körper mehr ist als nur ein Tool, um das Handy zu benützen. Und wir wollen natürlich mehr Menschen erreichen, gerade mit einer Kunstform, die sich so sehr mit dem Zusammensein befasst. Das weite Feld des Tanzes und der Tanzpraxis – nicht unbedingt die Tanzszene an sich, die ist auch sehr gut im „Bubbling“ – befasst sich damit, etwas zusammen zu tun, auch Dinge gemeinschaftlich zu diskutieren. Es gibt immer jemanden, die:der einen Plan hat, die:der die Führung übernehmen will, wenn es darum geht, etwas zu entwickeln und zu formen. Zugleich finden wir immer auch Körper, die uns einladen, mit ihnen Kontakt aufzunehmen, sich mit ihnen zu verbinden. Wir lernen von anderen Körpern, so verschieden sie auch sein mögen. Und es ist wichtig, die unglaubliche Bandbreite an unterschiedlichen Körpern zu zeigen und zu lernen, dass es nicht darum geht, wer die:der Beste ist, sondern wer uns am meisten ganz persönlich berührt.

Isabel Lewis

Was wir uns wünschen und wo wir hin arbeiten, ist, dass wir mehr Menschen an das Tanzquartier Wien führen und dass es Erlebnisse für alle Menschen bietet. So kann der Besuch eines Workshops dazu führen, dass man sich auch eine Performance anschaut und vielleicht sogar von dort aus verstärkt unser Research-Angebot nutzt.

Angela Heide

Ihr bietet sehr viel an – wie sieht es mit dem Interesse aus? Wer kommt beispielsweise in die Workshops, hat sich da bereits etwas spürbar verändert?

Isabel Lewis

Für das Workshop-Angebot ist es essenziell, die Szene gut zu kennen und genau darauf zu schauen, was an Trainingsangeboten wirklich gebraucht wird, auch, wohin neue Trends gehen.

Rio Rutzinger

Wo es sich wirklich bereits sehr schön mischt, ist bei den Workshops, die wir am Abend anbieten. Ebenfalls sehr gut auch von Non-Professionals angenommen werden die Frühkurse. Tagsüber kommen eher die Professionals und so richtet sich unser Angebot vermehrt an diese.

Isabel Lewis

Da es unser zentrales Ziel ist, mehr Menschen ins Tanzquartier Wien zu bringen, beschäftigen wir uns auch intensiv mit der Frage des Ortes. Ich bin mir sicher, dass sich alle unsere Vorgänger:innen mit ähnlichen Fragen beschäftigt haben, wenn es um die örtliche Positionierung des Hauses geht. Wie bekommen wir mehr Menschen hierher, wie können wir auch an anderen Orten sichtbarer werden? Hier sehe ich noch viele Möglichkeiten, in den kommenden Saisonen mehr zu untersuchen und zu entdecken, etwa in der Nachbarschaft, in anderen Stadtteilen oder auch im Radio. Was uns besonders freut, ist, dass sich laut unserer Kommunikationsabteilung die Zugriffszahlen auf unsere Website massiv erhöht haben.

Rio Rutzinger

Die Zugriffe haben sich nahezu verdoppelt.

Isabel Lewis

Sobald uns Menschen entdeckt haben und sehen, dass sie jederzeit willkommen sind, sind sie begeistert.

Da es unser zentrales Ziel ist, mehr Menschen ins Tanzquartier Wien zu bringen, beschäftigen wir uns auch intensiv mit der Frage des Ortes

Isabel Lewis
Angela Heide

Betrifft diese starke Zunahme nur die Workshop-Angebote?

Rio Rutzinger

Nein, tatsächlich alle unsere Angebote, was uns besonders freut. Was hier noch einmal zu betonen ist: dass wir alle drei Säulen immer im Blick haben und sie auch gleichermaßen sichtbar machen. Das Eine ist, was man de facto anbietet, das Andere, was in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Auch da schauen wir hin.

Angela Heide

So sehr man aber auch will: Trends, künstlerische Bewegungen, auch gesellschaftspolitische Veränderungen laufen parallel immer mit – und nicht selten unabhängig von den je eigenen Zielen, selbst wenn man so tagesaktuell wie möglich sein will.

Isabel Lewis

Der Kunsthistoriker Daniel Baumann, der lange Zeit die Kunsthalle Zürich geleitet hat, hat einen sehr schönen Artikel im Spike Art Magazine über das Dilemma von Kurator:innen von heute geschrieben. Darin formuliert er, dass man als Kurator:in immer verpflichtet ist, sich zu jeder erdenklichen politischen Situation zu äußern, für das ganze Team zu sprechen und für jede und jeden und in jede Richtung zugänglich zu sein. Er endet seinen Essay mit den Worten: „I am very happy to have you reading this, just as I am very certain it is going to disappoint you.“ So pointiert wie Baumann das zuspitzt, ist es ein Statement, mit dem man sich beschäftigen muss.

Angela Heide

Ein Schlagwort, dem man seit Langem schon begegnet, ist jenes des „Outreach“, für mich ein etwas schiefes Bild, da es für mich von „innen“ nach „außen“ führt. Ich sehe zwar die Hand, die sich da irgendwie von der Bühne hinunterreckt, aber ich muss sie ja nicht unbedingt nehmen.

Isabel Lewis

Für mich ist „Outreach“ die falsche Geste. Durch meine persönliche künstlerische Praxis, die das Einladen im Sinne eines Hostings in das Zentrum stellt, sehe ich „Vermittlung“ als essenziellen Teil der künstlerischen Geste, nicht als „Zusatz“. Aber auch hier ist für unser Haus zu sagen, dass es, um diese Geste umzusetzen, eine Abteilung braucht, die dafür adäquat budgetär ausgestattet ist. Derzeit ist die Vermittlungsabteilung ein mit unglaublichem Einsatz geführtes One-Woman-Department. Unser Ziel ist, diesen Bereich weiter zu stärken.

Angela Heide

Ich finde es ein sehr schönes Bild, das ich vor mir sehe, wenn ich euch zuhöre: nicht auf der Bühne zu stehen und die Hand auszustrecken, sondern als Gastgeber:in mitten unter den Menschen zu sein, die sich eingeladen fühlen, den gegebenen Raum gemeinsam zu erfahren.

Isabel Lewis

Das ist es auch, was ich am Tanzquartier erreichen will: dass diese gemeinsame Vermittlung über Kunst selbst zu einer Form künstlerischen Arbeitens wird. Es gibt nicht nur eine Richtung, einen Weg. Weder „Vermittlung“ noch „Format“ sind für sich inästhetisch, sondern immer Teil einer Anordnung, auch eines Agreements, an dem alle teilhaben und das damit seinerseits wiederum von gesellschaftspolitischer Wirkmacht ist. Daher ist Zugänglichkeit stets in Relationen und Machtverhältnisse eingebunden. Auch damit befassen wir uns hier am Haus kontinuierlich.

Angela Heide

Ihr habt mehrfach die drei Säulen erwähnt, auf denen die Arbeit des Tanzquartiers aufbaut. Gibt es da die Verpflichtung zu einer Art „Gewichtung“, etwa in Hinblick auf lokale, nationale Künstler:innen und internationale, die Nutzung der Räume bzw. der Halle G und anderes?

Rio Rutzinger

Es gibt keine vorgeschriebenen Prozentsätze. Viel mehr evaluieren wir gemeinsam mit den Künstler:innen den Bedarf in allen Bereichen, etwa, welches Projekt einen großen Saal braucht, welches einen kleinen, welches auch ganz hinaus geht, aus dem Haus wie aus dem Areal. Das betrifft auch die Frage der Verteilung von Koproduktionsmitteln für lokale wie auch internationale Produktionen.

Isabel Lewis

Nachdem wir eine derart kurze Vorbereitungszeit hatten, haben wir für unsere erste Saison Künstler:innen eingeladen, mit denen wir bereits gearbeitet haben oder deren künstlerische Projekte wir schon lange begleiten. Daher ist in dieser ersten Spielzeit der Anteil an internationalen Koproduktionen höher. Für die kommende Saison haben wir uns entschieden, unseren Fokus auf lokale Projekte und Künstler:innen zu legen. Für mich ist das auch eine wunderbare Möglichkeit, die österreichische Szene näher kennenzulernen.

Angela Heide

Wenn ihr einen wesentlichen Unterschied zwischen internationalen und nationalen Koproduktionen formulieren müsst, welcher ist das?

Isabel Lewis

Was ich schon bemerke, ist, dass es schwerer ist, das Haus mit internationalen Positionen zu füllen. Das ist für mich eine neue Erfahrung, denn egal, wo ich bisher gearbeitet und gelebt habe: Das Interesse lag dort vor allem auf Produktionen, die nicht aus dem lokalen Kontext kamen. Daher ist es spannend, gerade in Wien nach den Spezifika der lokalen Szenen zu fragen, die diese im internationalen Vergleich andere Haltung hervorrufen. Die Reichhaltigkeit der Kultur in Wien ist unglaublich, dennoch habe ich das Gefühl, dass wir hier, wenn es um zeitgenössische ästhetische Ansätze geht, noch mehr mit anderen Kunstbereichen in Kontakt treten könnten. Da gibt es ein Potenzial, das wir ausschöpfen wollen. Dafür braucht es eben dieses Angebot eines Ortes der Zusammenkunft und Vermittlung im Sinne einer stärkeren Fokussierung auf diese Verbindungen.

Rio Rutzinger

Ein weiterer Unterschied zu internationalen Projekten, die oft sehr lange und weltweit touren, ist, dass man in Wien, wo Produktionen verhältnismäßig gut subventioniert werden, diese dann nur zwei-, dreimal sehen kann. Die lokalen Produktionen haben sehr wohl Partner:innen, aber es sind meistens Residencies. Wir hoffen hier, mithilfe unserer Netzwerke ein wenig mehr Performances zu ermöglichen und damit nachhaltiger zu produzieren. Es ist schade, dass wir es nicht geschafft haben, uns als Standort Wien langfristig international anzubinden, auch wenn es immer wieder Ausnahmen gibt. Die Gründe dafür sind vielschichtig und gehen weit zurück. Was es in der Vergangenheit nicht gegeben hat, ist, dass es, wie etwa in Belgien, alles gibt, damit diese Szene wächst: von der großen klassischen Kompanie bis zum kleinsten experimentellen Projekt und zu Arbeiten für junges Publikum plus Ausbildungen.

Angela Heide

Wenn wir beim Thema Produktionsbedingungen bleiben wollen: Wie nehmt ihr die aktuelle Situation in Hinblick auf Themen wie Fair Pay war? Wenn ich euch richtig verstehe, ist gerade das Angebot langfristiger Kooperationen für euch zentral, das wiederum kaum mit den aktuellen Fair-Pay-Vorgaben vereinbar ist.

Rio Rutzinger

Es ist absolut essenziell, dass alle an einer Produktion beteiligten Künstler:innen nach Fair-Pay-Vorgaben bezahlt werden. Die derzeitige Situation führt jedoch dazu, dass man, um das zu erreichen, nicht mehr sieben Wochen probt, sondern nur noch drei.

Wir lernen von anderen Körpern, so verschieden sie auch sein mögen. Und es ist wichtig, die unglaubliche Bandbreite an unterschiedlichen Körpern zu zeigen

Rio Rutzinger
Angela Heide

Ist das nicht genau das Gegenteil von dem, was man erreichen wollte: langfristig abgesicherte Arbeitsbedingungen?

Rio Rutzinger

Was ich stark wahrnehme, ist eine Art von Zerrissenheit, in der wir alle derzeit produzieren. Auf der einen Seite wollen alle nach den Fair-Pay-Vorgaben abrechnen. Auf der anderen formulieren die meisten aber auch, dass sie lieber länger an einem Projekt arbeiten würden, um während der Proben auch mal durch ein kreatives Tal gehen zu können. Das ist mit Fair Pay jedoch nicht einfach zu bewerkstelligen.

Isabel Lewis

Ich sehe bei dem, was du eben formuliert hast, sehr wohl auch eine Generationsfrage. Viele Künstler:innen einer jüngeren Generation haben einen anderen Zugang zu Fair Pay. Sie wollen und fordern Fair Pay und sind auch bereit, mit den Konditionen, die damit einhergehen, anders umzugehen als Kolleg:innen unserer Generation. Sie erwarten aber auch, dass die institutionellen Strukturen stärker auf die Bedürfnisse eingehen, die sie formulieren.

Das wäre vielleicht genau das, was es braucht: zum Beispiel zu sagen, wenn es Kürzungen bei den Förderungen gibt, dann kann das bisherige Angebot nicht in dieser Form weitergeführt werden. Aber dann stehe ich vor der Tatsache, dass wir Räume haben, die wir auf der Produktionsseite nicht ausfüllen können, diese Räume aber dringend gebraucht werden und ich sie daher für andere Nutzungen zur Verfügung stelle – es ist eine komplexe Situation, und ich denke, Lösungen findet man hier wirklich nur konkret von Fall zu Fall. Auf alle diese Perspektiven wollen wir im Tanzquartier eingehen.

Angela Heide

Für mich heißt das, dass ihr zugleich produziert und euch quasi selbst beobachtet, wie ihr innerhalb sich wandelnder Parameter arbeitet.

Isabel Lewis

Noch einmal: Ich finde nicht, dass diese Fragen allein auf den Schultern der Künstler:innen ausgetragen werden sollten, sondern eher auf denen der Institutionen, weil diese im Austausch mit Politiker:innen stehen. Wir wollen auf all die verschiedenen Perspektiven reagieren. Viele junge Künstler:innen haben einen anderen Zugang zum Arbeitsethos als Künstler:innen meiner Generation – sie sind oft nicht mit dem früheren Konservatoriumsgeist aufgewachsen und, ganz ehrlich, ich sehe viele Vorteile an diesen frischeren Zugängen. Ich lerne tatsächlich, indem ich beobachte, was die Parameter, innerhalb derer wir arbeiten, produzieren: Was sind die aktuellen Konditionen, mit denen Künstler:innen arbeiten? Und was produzieren sie? Es war sehr interessant, mit den Produzent:innen und auch Academy-Teilnehmer:innen von Flavourama, einem der führenden Hip-Hop- und House-Dance-Festivals in Europa, zu sprechen, die wir diesen Februar hier bei uns erstmals an einer Institution dieser Größe gehostet haben. Ich musste dabei an meine eigene Biografie denken und wie wichtig es war, meine künstlerische Arbeit außerhalb institutioneller Parameter entwickeln zu können und, mehr noch, die Konditionen erst zu formulieren, die es – in jeder Hinsicht – braucht, um meine Arbeiten genau auf die Weise zu realisieren, die ich mir vorstelle.

Rio Rutzinger

Die eine Sache ist, diese Veränderungsprozesse zu beobachten und zu formulieren. Die andere, damit umzugehen. Wir stehen vor der Aufgabe, Angebote neu zu strukturieren, und das in allen Bereichen.

Isabel Lewis

Wir leben in einer gänzlich anderen Zeit als vor einem Vierteljahrhundert, als das Tanzquartier eröffnet wurde. Das haben wir uns immer vor Augen zu halten, vor allem, wenn es darum geht, jüngere Generationen an das Haus zu führen, deren Sozialisation eine gänzlich andere ist als jene der Gründer:innengeneration. Vieles ist stärker quantifizierbar, und es gibt ein anderes Wertesystem – aber ich will darüber nicht zu viel theoretisieren, denn ich bin nicht Teil dieser Generation. Was ich aber tun kann, ist, zu lernen – und zwar durch die Kollaborationen, die wir mit Vertreter:innen jüngerer Generationen umsetzen. So lernen wir neue Blickpunkte, Fragen und Perspektiven kennen, und wir wollen diese auch thematisieren, diskutieren und auf den Tisch bringen.

Rio Rutzinger

Die Art, wie man sich auf Dinge einlässt, hat sich sicher verändert, und wir müssen unbedingt darauf reagieren und lernen. Ich finde es dabei schön, unsere Erfahrungen gemeinsam mit den Generationen vor und nach uns zu reflektieren.

Isabel Lewis

Ich fände es spannend, einer Gruppe jüngerer Künstler:innen die Möglichkeit zu geben, sich mit Künstler:innen unserer Generation auszutauschen und Ideen darüber zu entwickeln, was ihnen wichtig ist. Ich weiß nicht, ob uns das bisher gelungen ist, aber wir bieten in unserem Programm eine große Bandbreite an Stimmen. Alle experimentieren, arbeiten und suchen nach Wegen, in dieser sich wandelnden Welt zu existieren und zu kommunizieren. Wir möchten diese Ideen aufgreifen, thematisieren, diskutieren und zur Sprache bringen.

Dass wir all diese Veränderungsprozesse wiederum als Herausforderungen nehmen können, auf die wir mit unseren Projekten reagieren, empfinde ich als das Schöne und das Privileg, das wir als Künstler:innen haben, aber ich will jetzt nicht wie eine amerikanische Optimistin klingen. Ich bin nicht naiv, wenn es darum geht, Zweifel zu formulieren und unterschiedliche Haltungen kritisch wahrzunehmen, aber ich bleibe daran interessiert, mich diesem „Zeitgeist“ anzunähern und darüber nachzudenken, wie wir leben, wie wir Raum und Zeit geben können, um diese unterschiedlichen Perspektiven sichtbar zu machen und gemeinsam zu reflektieren. Wir haben Theorie und Praxis zusammenzubringen – und in die Körper. Es ist der Körper, mit dem wir uns befassen. Und eines ist gewiss: Mehr Zeit ist nie falsch, in jedweder Kunstrichtung.