(c) Peter Rauchecker
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Interview: Brigitte Egger
Mit der ATASH عطش contemporary dance company erforschen die Choreografin Ulduz Ahmadzadeh und der Szenograf Till Krappmann alte, oft verbotene Tanztraditionen des Persischen Plateaus und übertragen sie in zeitgenössische Kontexte. Ihr Stück „ZĀĀR“ folgt den Spuren des gleichnamigen Heilrituals: Durch Tanz, Rhythmus und Trance wird mit Geistern – sogenannten „Winden“ – verhandelt, um sie aus dem Körper zu treiben.
Ahmadzadeh und Krappmann übersetzen diese rituelle Kraft in eine moderne Choreografie, die politische, ästhetische und gemeinschaftliche Aspekte verbindet. Musikalisch lassen sie sich von Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ inspirieren und und übersetzen rhythmische Muster und Fragmente der Musik in eine eigene Soundkulisse, die Brücken zwischen alten Ritualen und zeitgenössischer Tanzkunst schlägt.
Im Interview erzählen sie von ihrer Zusammenarbeit, von der Recherche zu vergessenen Tanztraditionen, ihrer Arbeit mit Archiven und dokumentarischem Material sowie davon, wie sie über Traditionen und Grenzen hinweg überlieferte Rituale und dekoloniale Perspektiven in ihre zeitgenössische Tanzpraxis einbeziehen.
Könnt ihr euch kurz vorstellen? Wie seid ihr zu eurer Zusammenarbeit gekommen?
Ich komme aus dem Iran und lebe seit 2008 in Wien. Dort habe ich zeitgenössische Tanzpädagogik an der MUK studiert, nachdem ich im Iran schon im Untergrund getanzt und unterrichtet hatte – weil Tanz dort offiziell verboten ist. Durch meine Lehrerin und eigene Feldforschung habe ich im Iran viele Volks- und Ritualtänze kennengelernt. In Wien bin ich dann in die zeitgenössische Tanzszene eingetaucht und habe 2012 meine erste Kompanie tanz.labor.labyrinth gegründet. 2016 kam Till als mein Partner dazu – im Leben und auch in der künstlerischen Zusammenarbeit.
Ich habe Bühnen- und Kostümbild an der Akademie der bildenden Künste Wien studiert und komme aus einem nomadischen, europäischen Lebenshintergrund. 2017 haben Ulduz und ich begonnen, künstlerisch zusammenzuarbeiten – zunächst bei kleineren Projekten, später dann bei größeren Produktionen, woraus sich 2020 unsere gemeinsame künstlerische Leitung von ATASH entwickelt hat.
Was bedeutet ATASH und was ist die Ausrichtung eurer Tanzkompanie?
„Atash“ stammt ursprünglich aus dem Arabischen, ist aber auch im Persischen gebräuchlich und bedeutet „Durst“, „Sehnsucht“ oder „Verlangen“. Diese Sehnsucht beschreibt unsere Motivation sehr gut: das Verlangen, Neues zu entdecken, neue Wege, neue Kombinationen, neue Beziehungen. Unserer Arbeit liegt der Wunsch zugrunde, neue Formen von Tanz und Ästhetik zu entwickeln. Wir beschäftigen uns intensiv mit unterschiedlichen Tanzpraktiken, Traditionen und kulturellem Erbe – vom Persischen Plateau über den gesamten südwestasiatischen Raum bis nach Zentralasien, in die Golfstaaten und nach Afrika.
Ein zentraler Teil unserer Arbeit ist die Recherche: Wir untersuchen Tanztraditionen, arbeiten mit Archivmaterial und versuchen, diese Formen in einen heutigen Kontext zu bringen – sie zu reinterpretieren, neu zu kontextualisieren und mit zeitgenössischem Tanz in Beziehung zu setzen. Viele dieser Tänze sind im Laufe der Jahre verschwunden, aber Spuren finden sich in Texten, Gedichten, Skulpturen, Malerei oder Architektur. Uns interessiert, wie diese Ausdrucksformen in der Gegenwart weiterleben können.
Wie betreibt ihr Recherche zu diesen Tänzen?
Vieles passiert direkt vor Ort auf Recherchereisen. Auch bei „ZĀĀR“ stammen viele Materialien aus dem Süden Irans oder aus Teheran, wo der Kult noch praktiziert wird. Es ist allerdings schwierig, an Material zu kommen – vor allem wegen politischer Hürden und Zensur. Das ist auch ein zentraler Punkt in unserer Arbeit: Unsere Projekte sind immer auch politisch. Wir möchten die Schönheit und Kraft dieser Tanzpraktiken sichtbar machen – nicht nur das Leid, das häufig im Vordergrund steht.
Genau, wir zeigen beides: Schönheit und Leiden. Uns interessiert auch das Empowernde, die Widerstandskraft. Tanzpraktiken werden oft von totalitären Systemen unterdrückt, und trotzdem überleben sie.
Im Iran gibt es auch kein öffentlich zugängliches Tanzarchiv, deshalb greifen wir auf private Archive und Social Media zurück. Viele, die diese Tänze praktizieren, veröffentlichen Videos online. Zudem leben im Iran über 50 Ethnien mit eigenen Tanzkulturen, Musik, Kostümen und Sprachen. Ich selbst habe aserbaidschanische und kurdische Wurzeln und bekomme viele Informationen über persönliche Kontakte und Netzwerke.
Das Problem bei Tanzarchiven ist ja, dass das Medium Video relativ jung ist. Wie lassen sich jahrhundertealte Tänze rekonstruieren?
Es gibt viele alte persische Malereien, auf denen Figuren in Bewegung dargestellt sind. Daraus entsteht viel Imagination – wie könnten diese Tänze ausgesehen haben? Gleichzeitig tragen wir eine gewisse Ästhetik im kollektiven Gedächtnis: in Gesten, in der Popkultur, in alltäglichen Bewegungen. Daran kann man anknüpfen.
Außerdem sind die heutigen Landesgrenzen im Iran historisch konstruiert. Viele Volksgruppen leben über Grenzen hinweg – in Ländern, in denen Tanz nicht verboten ist. Auch außerhalb des Iran, in Ländern wie Tadschikistan oder Usbekistan, gibt es staatliche Kompanien und zugängliche Archive, die Quellen liefern. So kann man Bewegungstraditionen über Regionen verfolgen und veruschen, sie zu rekonstruieren. Tanz lebt ja immer durch Weitergabe, durch Transformation. Wir nennen das „Tanzverwandtschaften“.
Im Projekt „VASHT“ haben wir etwa untersucht, wie kulturelles Wissen und Bewegungscodes über Handelswege wie die Seidenstraßen zirkulierten. Diese Austausch- und Hybridisierungsprozesse interessieren uns sehr.
Viele dieser Tänze wurden bereits für die Bühne adaptiert, was wiederum eine eigene Interpretation darstellt. Rituale finden oft in einer Gemeinschaft, zu präzisen Tageszeiten oder an eigens dem Zweck gewidmeten Orten statt – sobald sie in einem theatralisch kodierten Raum performt werden, verändern sich Intention und Wirkung.
Zār ist ja ursprünglich nicht als Bühnenform gedacht, sondern Teil eines Rituals. Könnt ihr mehr über dessen Hintergrund erzählen?
Eigentlich ist es weniger ein Tanz, sondern eine komplexe Heilpraxis. Der Zār-Kult, dessen Ursprung nicht eindeutig geklärt ist, erstreckt sich über mehrere Kontinente. Krankheit wird dort als „Wind“ verstanden, der in den Körper eindringt. Durch Rhythmus und Musik wird dieser Wind diagnostiziert, man tritt mit ihm in Dialog und verhandelt, was er/sie braucht, um den Körper wieder zu verlassen. Es geht um Ausgleich, um Heilung.
Dieses Ritual existiert in Nord- und Ostafrika ebenso wie im Süden Irans. Dort leben schwarze Minderheiten, Nachfahren afrikanischer Migrant*innen, die sich heute als Iraner*innen identifizieren – diese Migration reicht Jahrhunderte zurück. Interessant ist, dass die Zeremonien im Süden Irans offiziell verboten sind. Sie werden meist von Frauen und marginalisierten Gruppen praktiziert. Für mich ist das eine Form gemeinschaftlicher Fürsorge – community care. Im Iran sagt man: „Wenn nichts mehr hilft, bekommen die Leute Zār“ – dann wird getanzt, musiziert, geheilt. Das ist unsere dramaturgische Inspiration
Inwiefern versteht ihr eure Arbeit auch als dekoloniale Praxis – wenn ihr solche marginalisierten Tänze in einen westlichen zeitgenössischen Kontext bringt?
Vorweg, wir inszenieren kein Zār-Ritual für ein westliches Publikum. Wir lassen uns davon inspirieren. Uns interessiert, was daran heute relevant ist – die Idee von Dialog, Heilung, Gemeinschaft, das Verständnis von Krankheit...
Genau. Wir fragen: Was kann das heute bedeuten? Wie kann Tanz oder Rhythmus Heilung ermöglichen? Für mich persönlich geht es auch darum, dass ich in Europa lange keine Ästhetiken gesehen habe, die meiner kulturellen Prägung entsprechen. Ich habe sie vermisst – und mich gefragt: Warum tanze ich überhaupt, was interessiert mich wirklich daran? Mich interessiert dieses Tanzwissen, mit dem ich aufgewachsen bin. Es auf die Bühne zu bringen, ist mein politischer und künstlerischer Beitrag. Ich mache Kunst für alle – nicht für ein bestimmtes Publikum. Unser Publikum ist sehr vielfältig: Kinder, ältere Menschen, Menschen aus unterschiedlichen Kulturen. Mir ist wichtig, eine Bühnensprache zu entwickeln, die jeder versteht und in der jede*r etwas wiederfindet.
Euer Stück ist von Stravinsky inspiriert – wie habt ihr diese Musik in Beziehung zu den Ritualen des Zār gebracht?
„Le Sacre du Printemps“ war für mich intuitiv passend, auch wenn ich anfangs nicht wusste, dass Stravinsky sich von heidnischen Kulturen im Osten Russlands hat inspirieren lassen – Regionen, die kulturell eng mit Zentralasien und dem Iran verbunden sind. Mich faszinierten die rhythmische Komplexität und die Brüche in seiner Musik, gleichzeitig fand ich den Kontrast zur Klangwelt des Zār spannend. In unserem Stück ist Stravinsky nur in Fragmenten zu hören.
Ähnlich wie beim Zār-Kult dient die Musik als Inspirationsquelle. Paul Kotal und Han-Gyeol Lie haben dokumentarisches Material und Field Recordings verarbeitet und Brücken zwischen verschiedenen musikalischen Welten geschaffen. Rhythmische Muster wurden übernommen, dekodiert und neu zusammengesetzt – wie auch im Tanz.
Auch strukturell gibt es Parallelen: „Sacre“ handelt von Ritual und Opferung, im Zār-Ritual gibt es ebenfalls Opfergaben. In unserem Stück taucht dieses Motiv als Inspiration auf, aber in ganz anderer Form.
Ihr habt das Bühnenbild vorhin schon angesprochen – was waren die zentralen Überlegungen für die Gestaltung?
Das Stück beginnt in der „blauen Stunde“, also zwischen Tag und Nacht – ein Moment des Übergangs. Auch die Klangwelt startet mit einer Art Meeresrauschen. Ich wollte einen Raum schaffen, der nicht an unsere Vorstellung von Raum und Zeit gebunden ist – er könnte auch auf einem fernen Planenten verortet werden. Inspiriert hat mich die Natur im Süden Irans – Wind, Erosion, Wasser. Diese Elemente formen seit Jahrtausenden Landschaften.
Wasser spielt dabei eine zentrale Rolle: Wir haben es in allen Aggregatzuständen auf der Bühne. Es tropft, plätschert – etwas sehr Ursprüngliches, sehr Beruhigendes, das alle kennen. Für mich spiegelt Wasser auch Bewegung, Wandel, die Reise – ähnlich wie der Wind im Ritual, der über Kontinente weht.
Wollt ihr mit eurem Stück auch für das Publikum einen tranceähnlichen Zustand schaffen, ähnlich wie im Zār-Ritual? – Was ist euch wichtig, zu transportieren?
Wir wollen das Publikum auf eine Reise mitnehmen. Jede Person macht ihre eigene Erfahrung, aber dieses Eintauchen in eine andere Welt ist uns wichtig.
Vielleicht schaffen es einige, wirklich in einen Trancezustand zu kommen. Im ursprünglichen Ritual dauert dieser Zustand Tage, manchmal eine ganze Woche. Niemand darf das Ritual verlassen, bis der Prozess abgeschlossen ist.
Im Ritual geht es darum, dass sich der Wind manifestiert und schließlich erscheint oder ausbricht.
Und was war die Inspiration für die Kostüme?
Ich habe mich mit der Unterwasserwelt des Persischen Golfs beschäftigt. Dort gibt es Farbkombinationen und Formen von Unterwasserlebewesen, die gleichzeitig absurd und wunderschön sind. Diese Welt diente auch als Ausgangspunkt.
Wie gestaltete sich der choreografische Arbeitsprozess mit den Tänzer*innen?
Meine Arbeit baut auf einer Ästhetik auf, die sich über Jahre entwickelt hat. Für viele Tänzer*innen ist das eine neue Bewegungssprache, die sie erst erlernen müssen. Zwei Performerinnen arbeiten schon seit über fünf Jahren mit mir, drei weitere sind dazugekommen. Zum ersten Mal steht ein gesamter Cast auf der Bühne, von dem alle bereits mit mir gearbeitet haben und meine Materialien kennen – das ist ein großes Vergnügen für mich.
Ursprünglich war „ZĀĀR“ ein Commissioned Work vom Tanzquartier Wien, mit einem anderen Cast. Für die neue Version haben wir unser Ensemble eingesetzt, um das Stück auch tourfähig zu machen. Schon am ersten Probentag war eine andere Energie spürbar.
Es ist nicht nur eine Umbesetzung, sondern eine Neubearbeitung. Choreografisch hat sich viel verändert – die Tänzerinnen bringen andere Qualitäten mit, die das Stück weiterentwickeln.
CPA 25
SZENE Salzburg
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