CPA 25 Interview: Michikazu Matsune/Martine Pisani & Theo Kooijman

Gedichte mit Bewegung, Aktion und Präsenz in den Raum schreiben: Ein Interview mit Michikazu Matsune, Martine Pisani und Theo Kooijman zu ihrem Stück „Kono atari no dokoka (Somewhere around here)“
Michikazu Matsune/Martine Pisani & Theo Kooijman

(c) Markus_Gradwohl

Interview: Brigitte Egger

In „Kono atari no dokoka (Somewhere around here)“ überlappen sich Zeit und Ort, Erinnerungen tauchen auf und Geschichten reisen über Grenzen hinweg. Das Stück bringt den japanisch-österreichischen Künstler Michikazu Matsune, die französische Choreografin Martine Pisani und den niederländischen Maler und Performer Theo Kooijman zusammen, um über die Frage nachzudenken: Was bleibt vom Tanz, wenn die Aufführung vorbei ist?

Aus gemeinsamen Erinnerungen, alten Geschichten und einem persönlichen Archiv rekonstruieren die drei Künstler*innen Spuren von Pisanis früheren Stücken aus den 1980er- und 1990er-Jahren. Das Projekt begann im Winter 2021, als Michikazu Matsune eine Zusammenarbeit vorschlug — „einen Vorschlag, den ich nicht erwartet hatte“, wie Martine Pisani sich erinnert. Nach fast drei Jahrzehnten Pause kehrt Pisani wieder auf die Bühne zurück. Ihre Erkrankung ist nicht das zentrale Thema des Stücks, merkt sie an, “die Frage bleibt: wie geht man damit um?”

Das Stück wird zu einem Akt des Erinnerns, der dem Verschwinden widersteht. Durch das Wiederaufgreifen von Pisanis Archiv schaffen die Künstler*innen einen Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart und zeichnen die Linie zwischen dem, was verblasst, und dem, was bleibt nach.

Aus drei unterschiedlichen Biografien — von Kobe bis Marseille, Paris bis Wien — entsteht eine humorvolle und poetische Meditation über Zeit, Sprache und die gemeinsame Erfahrung des Aufführens und Erinnerns. Wie sie in der Aufführung sagen: „Wo sind wir jetzt? Hier!... Na ja, irgendwo hier in der Nähe. Wie geht es uns? Gut!“

Mit Wärme und Ironie fragt „Somewhere around here", wo Erinnerungen wohnen — im Körper, im Archiv oder einfach in der Luft zwischen uns. Irgendwo, vielleicht, hier in der Nähe.

Brigitte Egger

Somewhere around here“ bezieht sich auf einen Ort. Wo habt ihr euch getroffen?

Michikazu Matsune

Mitte der 2000er wurden unsere Arbeiten oft in denselben Festivals gezeigt und wir trafen uns in verschiedenen Städten. Und wir wurden Freunde. Danach sahen wir uns allerdings mehr als zehn Jahre lang nicht. Das Einzige, was uns verband, waren die Neujahrsgrüße, die Martine und Theo mir jedes Jahr schickten. 2018, als ich ein Solostück in Paris zeigte, kamen sie, um es zu sehen. Es war ein überraschendes Wiedersehen und wir redeten nach der Vorstellung viel beim Abendessen. Mir wurde klar, dass ich nicht viel über Martine wusste.

Ich wurde neugierig, mehr von ihren Geschichten zu hören, wie sie arbeitet und welches künstlerische Leben sie bis dahin geführt hatte. Dieses Wiedersehen gab mir Motivation für unsere Zusammenarbeit. Während der Pandemie 2021 besuchte ich Martine und Theo in ihrer Pariser Wohnung. Der Großteil unseres Prozesses entstand tatsächlich an ihrem Küchentisch!

Martine Pisani

Und wir haben viel gegessen.

Michikazu Matsune

Ja, Theo hat für uns makrobiotisch gekocht. Wir fingen morgens an, plauderten und diskutierten, dann kochte Theo das Mittagessen, wir legten ein Nickerchen ein und machten danach weiter — das war unser Rhythmus. Wir haben uns alte Archivmaterialien von Martine angeschaut und Theo suchte nach alten Videos.

Brigitte Egger

Also meint das im Text erwähnte Archiv Martines persönliches Archiv? Warum steht es im Fokus?

Michikazu Matsune

Ja. Martine hat eine Menge alter Notizbücher — sehr schöne, handschriftliche und detaillierte. Ihre Heftchen waren eine Möglichkeit, zurückzublicken, wie sie in den späten 1980er- und 1990er-Jahren ihre Arbeit geschaffen hat. Nach ein paar Tagen Gespräch wusste ich, dass ihre Geschichte geteilt werden sollte, und ich schlug vor, gemeinsam etwas zu entwickeln. Und ich machte mit Martine eine Abmachung: „Ich möchte dich auf der Bühne haben!“ 

Martine war seit 1996 nicht mehr auf der Bühne gestanden, also wurde dies ihr Comeback nach fast dreißig Jahren. Ich hatte den ausdrücklichen Wunsch, dass sie wieder auf die Bühne kommt — genauso, wie sie heute ist. Wenn wir über die Vergangenheit sprechen, ist das auch eine Erinnerung daran, wo wir jetzt stehen. Es geht sehr um die Gegenwart. Der zeitliche Rahmen, auf den ich mich konzentrieren wollte, war klar: vom Beginn der 1980er, als Martine zu arbeiten begann, bis zum Jahr, in dem sie die Bühne verließ.

Brigitte Egger

Was zeichnet Martines Arbeit aus?

Martine Pisani

Meine Stücke sind immer verbunden mit Poesie, mit Literatur.

Michikazu Matsune

Ja, Martines Arbeiten sind wie Gedichte, als ob sie etwas mit Bewegung, Aktion und Präsenz etwas in den Raum schreibt. Manchmal sind ihre Stücke sehr minimalistisch. Sie sind choreografisch, tendieren aber zur Performancekunst, eine Qualität, die ich schätze. Theo war immer auf der Bühne in ihren Arbeiten; er interpretierte und performte Martines Ideen so genau. Für mich stand außer Frage, dass Theo Teil dieses Projekts sein muss.

Wenn wir über die Vergangenheit sprechen, ist das auch eine Erinnerung daran, wo wir jetzt stehen. Es geht sehr um die Gegenwart

Michikazu Matsune
Brigitte Egger

Kannst du etwas zu euren Rollen oder Figuren in diesem Stück sagen?

Martine Pisani

Ich würde nicht von Rollen sprechen; ich würde von Präsenz sprechen. Es ist wichtig, hier zu sein, präsent zu sein. Es ist eigentlich schwierig für mich, wirklich präsent vor dem Publikum zu sein. Das ist mein Wunsch — wirklich hier zu sein.

Michikazu Matsune

Wenn man überhaupt von Rollen sprechen kann, dann geht es darum, wir selbst auf der Bühne zu sein. Aber ist das überhaupt möglich? Ich bin mir nicht sicher, aber wir versuchen, uns zu teilen, unsere Geschichten. In diesem Sinne ist es eine Art Dokumentation.

Theo Kooijman

Martines Arbeit ist sehr mit Bewegung verbunden. Dieses Stück ist ein bisschen anders, weil es viele Geschichten gibt. Michikazus Erzählen bringt mehr theatralische Aspekte hinein, weil es Text gibt, es gibt zu erzählende Geschichten. Normalerweise ist Martines Arbeit abstrakter. Sie erzählt Geschichten durch Bewegung, aber auf eine andere Art. Vielleicht ist das die schöne Verbindung zwischen Martine und Michikazu: die Verbindung dieser zwei Welten — der Welt der Bewegung und der Welt der Geschichten.

Michikazu Matsune

Da ich viel auf der Bühne spreche, werden einige meiner Arbeiten gelegentlich als Theater eingeordnet. Für mich ist es aber nie Theater im klassischen Sinn. Es ist eine andere Art, eine Geschichte zu erzählen. Ich mag Martines poetische Welt sehr.

Brigitte Egger

Poesie ist auch ein sehr wichtiges Element in diesem Stück, oder?

Michikazu Matsune

Ja. Wir projizieren einige alte Gedichte, japanische Haikus, einige davon sind etwa 500 Jahre alt. Es ist faszinierend, dass wir über die 1980er und 1990er sprechen und plötzlich etwas lesen, das mehrere hundert Jahre alt ist. Das schafft eine seltsame, aber schöne Verbindung zwischen uns und der Welt.

Interessant ist, dass Martine eine große Verehrerin japanischer Poesie und japanischen Kinos ist, was ich nicht bin. Ich habe einige dieser Haikus in der Schule gelesen, aber jahrelang nicht mehr angesehen. Als ich Martine besuchte, sah ich so viele Haiku-Bücher mit französischen Übersetzungen — es war aufregend, alte japanische Gedichte durch sie neu zu entdecken. Sie wurden eine weitere Verbindung zwischen uns.

Brigitte Egger

Habt ihr die Gedichte zusammen ausgesucht? Worum geht es in ihnen?

Martine Pisani

Ja, wir haben sie zusammen ausgewählt.

Michikazu Matsune

Zum Beispiel sind Zikaden ein sehr wichtiges und wiederkehrendes Bild in Haikus. Interessant ist, dass es auch im Süden Frankreichs, wo Martine aufgewachsen ist, Zikaden gibt — genauso wie dort, wo ich in Japan aufgewachsen bin, in Kobe.

Ich würde nicht von Rollen sprechen; ich würde von Präsenz sprechen. Es ist wichtig, hier zu sein, präsent zu sein

Martine Pisani
Brigitte Egger

Ist Klang an sich auch wichtig in der Aufführung?

Michikazu Matsune

Der Klang der Zikaden ist wie eine Resonanz zwischen uns, auch wenn wir in unterschiedlichen Zeiten und Kulturen aufgewachsen sind. Der Klang verbindet uns zeitlos, sogar über 500 Jahre hinweg. Das ist erstaunlich.

Brigitte Egger

In der Beschreibung eures Stücks steht eine zentrale Frage: „Was bleibt vom Tanz, wenn die Aufführung vorbei ist?“ Gibt es einen Versuch, diese Frage zu beantworten?

Martine Pisani

Ich denke, was bleibt, ist im Kopf des Publikums. Das ist mir wichtig.

Theo Kooijman

Was nach der Aufführung bleibt, ist auch die Beschreibung einer ganzen Periode. Jede*r hat eigene Erinnerungen an diese Zeit. Wenn Michikazu zum Beispiel über das Erdbeben in Japan spricht, erinnert sich jede*r auf ihre oder seine eigene Weise daran. Wir haben unsere eigenen Geschichten, und das Publikum hat seine. Das ist etwas, das nach der Vorstellung bleibt.

Michikazu Matsune

Es kann viele Antworten auf diese Frage geben. Vielleicht bleibt nichts; alles verschwindet nach der Aufführung. Das ist auch eine traurige Wahrheit, dass gerade im Tanz vieles Schwierigkeiten hat, archiviert zu werden. Wie können wir etwas für die Zukunft bewahren? Manche versuchen es mit Repertoires, und Video hat revolutioniert, was bleiben kann, aber vieles von Martines Arbeit aus den 1980ern ist nicht dokumentiert, also wird es verschwinden. In diesem Sinn handelt das Stück von der Unmöglichkeit, etwas festzuhalten.

Martine Pisani

In Frankreich sagen wir oft „Tout disparaît“. Alles verschwindet.

Michikazu Matsune

Oder es wird in etwas anderes übertragen. Für mich, wenn wir an konzeptuelle Performance in Frankreich denken, ist Martine eine wichtige Figur. Aber es steht nicht in den Geschichtsbüchern, also könnte ihre Arbeit eine vergessene Geschichte werden. Das berührt mich emotional, und deswegen finde ich es wichtig, sich damit zu beschäftigen.

Brigitte Egger

Ist es auch ein Versuch, etwas länger zu bewahren, dem Archiv etwas hinzuzufügen?

Martine Pisani

In diesem Projekt sprechen wir über mein Archiv, aber gleichzeitig wird eine weitere Ebene dem bestehenden Archiv hinzugefügt.

Michikazu Matsune

Vielleicht ist es ein kleiner Versuch, zu betonen, noch einmal hinzuschauen. Denn wenn wir jetzt nicht hinschauen, ist alles weg.

Theo Kooijman

Du bringst mich zum Weinen. (lacht)

Aber das stimmt. Es gibt so viele Arten, danach zu sehen und zu fühlen.

Brigitte Egger

Ihr erwähntet die Traurigkeit, aber das Stück wird auch als humorvoll beschrieben. Warum ist Humor euch wichtig?

Martine Pisani

Mit Humor versuchen wir, eine gewisse Distanz zu bewahren.

Theo Kooijman

Ja, wir versuchen immer, etwas Distanz zu dem, was wir zeigen, zu halten. Wir wollen die Leute nicht zum Lachen bringen, sondern auf eine Weise leicht bleiben, uns nicht zu ernst nehmen. Das verleiht der Arbeit eine gewisse Leichtigkeit, und dadurch können Situationen komisch erscheinen.

Michikazu Matsune

Humor verbindet uns drei. Wir teilen einen ähnlichen Sinn für Humor, und für mich ist er ein Schlüssel zu anderen Emotionen. Ohne Humor erreichst du bestimmte Dinge nicht.

Martine Pisani

Wir sind „discrète“ — zurückhaltend, auf eine Weise.

Theo Kooijman

Humor spricht auch die Menschlichkeit in Martines und Michikazus Arbeiten an. Wenn Menschen lachen, geht es immer um Situationen, die sie wiedererkennen. Manchmal sind es sehr kleine, minimale Dinge, aber sie sprechen fast jeden und jede an, wie eine Ur-Emotion.

Wenn Menschen lachen, geht es immer um Situationen, die sie wiedererkennen. Manchmal sind es sehr kleine, minimale Dinge, aber sie sprechen fast jeden und jede an, wie eine Ur-Emotion.

Theo Kooijman
Brigitte Egger

Der Titel eures Stücks impliziert einen Ort. Welche Art von Ort schafft ihr mit dieser Aufführung?

Martine Pisani

Es geht um die Beziehung zwischen Raum und Zeit.

Michikazu Matsune

Es ist wie Zeitreisen, Raumreisen. Eines Tages, nach einem ganzen Tag an Gesprächen, erwähnte sie, dass sie immer nach Japan reisen wollte. Es war ihr Traum, den sie nie verwirklichte. In dieser Nacht kam mir die Idee: Wenn wir nicht wirklich dorthin reisen können, dann reisen wir in unserer Vorstellung. Also spielen wir in der Aufführung so, als wären wir in Japan. Das wurde zu einem lustigen Spiel, etwas ins Japanische zu übersetzen, zum Beispiel, weil das japanische Publikum es sonst nicht verstehen würde.

Der Titel „Somewhere around here“ entstand auch aus einem von Martines früheren Stücken aus den 1980ern namens „Ici (Hier)“. Sie schrieb einen Text, der Bewegung beschreibt, während sie tanzte, und dieser Text ist auch wichtig in unserer Aufführung. Es ist wie ein Wiederbesuch von „Ici (Hier)“, aber jetzt können wir nicht vollständig dorthin zurückkehren; es ist nur ungefähr hier.

Martine Pisani

Uns gefiel diese Idee. Wir können den genauen Ort nicht festlegen; es ist irgendwo hier in der Nähe, aber wir können nicht sagen, wo.

Michikazu Matsune

Wir sprechen auch über Marseille, wo Martine aufgewachsen ist, während ich in Kobe aufgewachsen bin und Theo in den Niederlanden. Es geht um diese Mehrdeutigkeit — wo sind wir eigentlich? Das ist eine schöne Frage, auch für das Publikum.

Brigitte Egger

Denkt ihr daran, in Zukunft ein weiteres Stück zusammen zu machen?

Michikazu Matsune

Im Moment gibt es keinen Plan. Auf eine Weise haben wir alles gegeben, was wir konnten.

Theo Kooijman

Wir sind jetzt leer. (lacht)

Martine Pisani

Wir können sagen: “vielleicht”.