CPA 25 Interview: Hanschitz & Beierer / Neumayer

"Lebendigkeit entsteht im Dialog und in der Aktion": Sandra Hanschitz, Joël Beierer und Heidrun Neumayer über die Arbeit mit dem Cyr Wheel als Akteur
Hanschitz & Beierer / Neumayer

(c) Igor Ripak

Interview: Leonie Frühe

Leonie Frühe

Euer Kollektiv Hanschitz Beierer entwickelt interdisziplinäre Tanz- und Zirkusproduktionen. Sandra, du arbeitest freiberuflich als Tänzerin, Artistin und Choreografin, Joël, du arbeitest als multidisziplinärer Künstler und Musiker in Freiburg. Heidi, du hast die Co-Produktion und Choreografie übernommen. Zunächst zwei Fragen: Wie bist du, Sandra, zum „Cyr wheel“ gekommen und wie habt ihr beiden zueinandergefunden?

Sandra Hanschitz

Ich komme ursprünglich aus dem zeitgenössischen Tanz. Ich habe das studiert und mich ganz viel mit Tanz und einer bestimmten Methode — Axis Syllabus — beschäftigt. Zum einen hatte ich den Eindruck, im Tanz mein Zuhause gefunden zu haben, und zum anderen hatte ich auch irgendwie Lust auf etwas Neues. Und dann war ich in Helsinki auf einem Straßentheater-Festival und da war eine Performance von Sisus Circus, wo eine Person Cyr wheel gemacht hat - da dachte ich irgendwie: Oh, das will ich auch probieren! Ich hatte Lust auf eine neue physische Herausforderung, aber musste dann erst mal rausfinden, wie das Ding überhaupt heißt und was das ist. Nach einem Workshop in Barcelona gemacht habe ich mir ein Cyr wheel gekauft. Ich war viel in Barcelona, habe trainiert, habe Privatstunden genommen. Weil ich im La Central del Cirque in Barcelona trainiert habe und dort dann Leute getroffen habe, bin ich so langsam in die Zirkusszene reingerutscht.

Dann habe ich ein erstes kleines Solo gemacht. Das zweite Solo/Duo war schon mit Joël – „IIIII. about the art of letting go“. Und genau, dann kam es so, dass wir für Recherche für Tanz und Zirkus Förderungen bekommen haben. Zu der Zeit habe ich noch in Deutschland gewohnt. Joël  und ich waren sechs Jahre Mitbewohner in der gleichen WG, da haben wir uns kennengelernt. Er hatte davor schon mal für ein kleines Stück — ein Tanzstück — Musik gemacht. Und ich schätze seine Musik sehr. Dann, genau, habe ich ihn wieder gefragt, ob er für „IIIII“ Musik machen will. Aus dieser Zusammenarbeit heraus ist dann auch quasi die weitere Zusammenarbeit für „still dependent“ entstanden.

Leonie Frühe

Bei eurer Produktion „still.dependent“ — die im November 2024 beim ON THE EDGE Festival Wien und im Rahmen der europaweiten „Nuit de Cirque/Zeit für Zirkus“ im E-WERK Freiburg uraufgeführt wurde — arbeitet euer Kollektiv mit Heidrun Neumayer in der Rolle der Choreografin und Projektleiterin zusammen. Das gesamte Team ist um einiges größer als bei euren vorhergehenden Produktionen – wie kann man sich dabei eure Zusammenarbeit vorstellen?

Sandra Hanschitz

Der Grund, warum es größer wurde, ist, dass ich gerne  das Cyr wheel im Trio  erforschen wollte. Es ist ja eigentlich eine Solodisziplin, aber ich hatte Lust zu schauen, was ist eigentlich möglich mit noch zwei anderen Personen. In dem Fall haben wir uns dann für eine Cyr-wheel-Artistin, die auch einen Tanzhintergrund hat, entschieden, Lorena Madurga Jiménez aus Barcelona, und für eine Tänzerin aus Freiburg, Linda Pilar Brodhag die davor noch nie ein Cyr wheel angefasst hatte. Mir war es wichtig, auch mit einem tänzerischen Auge auf das Objekt zu schauen und eben nicht unbedingt an der Zirkusdisziplin festzuhalten. So kam es dazu, dass wir Heidi gefragt haben, und natürlich es gab noch mehr Leute, die involviert waren.

Joël Beierer

Das ganze Ding wurde ein bisschen größer, dadurch dass die Produktion auch größer wurde, eben weil wir uns entschieden hatten, ein Trio-Stück zu machen. 

Heidrun Neumayer

Ja, also die gemeinsame Schnittstelle zwischen Sandra und mir ist zum Beispiel, dass wir einen sehr ähnlichen Hintergrund haben. Wir kennen uns schon recht lange, haben schon in anderen Formen immer wieder zusammengearbeitet. Kennengelernt haben wir uns durch diese Bewegungsmethode Axis Syllabus. Und wir haben auch eine ähnliche Bewegungssprache. Vor zehn Jahren ungefähr bin ich ebenfalls zum zeitgenössischen Zirkus gekommen; zudem habe ich in meinen Arbeiten auch ein sehr starkes Interesse daran, Dinge zweckzuentfremden. Also etwa Zirkusapparate nicht unbedingt als das zu verwenden, wofür sie eigentlich gedacht sind, sondern sie zu nehmen und zu schauen, okay, was ist noch damit möglich – das ist auch ein gemeinsamer Nenner mit Sandra.

Das Cyr Wheel steht einfach für die dingliche Welt, der wir keine Handlungsmacht zuschreiben, von der wir sagen: Wir benutzen sie wie Werkzeuge oder aber sie ist nur Kulisse. Es steht gleichermaßen für die Umwelt, die uns in der Klimakrise immer mehr vor Augen führt, wie abhängig wir sind. Eigentlich geht es darum, Abhängigkeiten aufzuzeigen

Joël Beierer
Leonie Frühe

Wie sieht eure gemeinsame Praxis aus?

Joël Beierer

Ich glaube, ganz stark angefangen hat das mit einem Ursprungsinteresse. Dann haben Sandra und ich versucht, also quasi wir als Herzstück, das Team darum herum zusammenzustellen. Wir haben gemerkt, wir brauchen Unterstützung in der Choreografie, wenn Sandra auf der Bühne agiert, weil ich kein Choreograf bin, sondern die dramaturgischen Fäden in der Hand und eher das große Ganze im Blick habe. Heidi konnte uns mit ihrer Expertise in Partnerakrobatik-Elementen sehr gut unterstützen, und uns dabei helfen, das Bewegungsinteresse, was wir im Konzept formuliert haben, zu schärfen und das dann konkret in den Proben umzusetzen. Die künstlerische Seite lag bei Sandra und bei mir; Heidi hat uns vor Ort unterstützt.  Sandra ist auch auf der Bühne und hat damit diese Doppelrolle:  rein, raus, die sie allerdings nicht so gerne mag. Deswegen habe ich viel mit Heidi besprochen: Okay, was ist das Ziel, wo wollen wir hin, wie kriegen wir das umgesetzt und dann sind es physische Probenblöcke, meistens ein bis zwei Wochen, in denen alle zusammenkommen. Es war ein sehr langer Prozess mit dem Stück, insgesamt über zwei Jahre mit Vorproben und Recherchen und so weiter.

Sandra Hanschitz

Bei mir gab es ein wirklich physisches Interesse an dem Objekt - und andererseits ein Interesse, das Objekt zu entfremden, es zu einer Spirale zu machen, es aufzuhängen. Denn das Cyr wheel ist ja eigentlich eine Boden-Disziplin. Es gab ein Interesse, dieses Objekt auseinanderzunehmen und eben im Trio zu bearbeiten. Das war auf alle Fälle ein Ansatzpunkt: erstmal ganz viel auszuprobieren. Was ist überhaupt möglich als Kreis, zu dritt, als Spirale. Wir haben auch andere Formen gebaut und haben so verschiedene - wir haben es „Zustände“ genannt - physisch erforscht. Immer mit dem Auge drauf, das Inhaltliche darin zu lesen oder zu schauen, ob das, was ausgedrückt werden möchte, also was das Stück quasi mitteilen möchte, ob das zu finden ist in dem, was wir gerade ausprobieren.

Leonie Frühe

In „still. dependent“ setzt ihr euch mit der Mensch-Objekt-Beziehung in der Postmoderne auseinander. Die Subjekt-Objekt-Dichotomie scheint mit eurer ästhetischen Sprache fast aufgehoben. Wie blickt ihr auf diese Beziehung?

Joël Beierer

Ja, das war der Ursprungsgedanke des Konzepts. Als wir anfangs mal zusammensaßen, hatte Sandra die Idee mit dem Trio, mir war dieses Subjekt-Objekt-Thema wichtig. Ich hatte mich da gerade in Soziologie viel mit Bruno Latour und dessen „Akteur-Netzwerk-Theorie“ beschäftigt, die das komplexe Geflecht aus menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren betrachtet, die miteinander in Beziehung stehen. Kurz gesagt: Verändern wir die Dinge oder sie uns?  Das war quasi mein theoretischer Ausgangspunkt. Und gleichzeitig war ich mit Sandra auf Tour, habe Musik gemacht, saß immer am Bühnenrand und habe Sandra dabei zugeschaut, wie sie mit diesem Ring tanzt, kämpft und arbeitet. Da sind für mich die zwei Welten einfach zusammengekommen - das Potenzial dieser Auseinandersetzung zwischen Subjekt und Objekt war für mich schon vorher offensichtlich.

Dieser Kreis, das Cyr wheel hatte für mich schon immer eine starke Form und so ein dynamisches Wesen; damit war es für mich das perfekt geeignete Objekt, um die Subjekt-Objekt- Beziehung zu hinterfragen. Die für mich dann so ganz spannende dramaturgische Frage war: Wenn es um das Thema Subjekt-Objekt-Verhältnis geht: Wie kann man mit dem Rad spielen, es aufheben, hin und her schieben usw. Wer hat gerade Power, wer nicht? Dann muss das Ding Leben kriegen. Wie kriegt das Ding Leben? Nicht, wenn es die ganze Zeit hin und her geschubst und bewegt wird – sondern es muss irgendwie der Eindruck entstehen, dass es von selbst etwas macht. Deswegen wollte ich auch, dass es als Erstes auftritt.  Damit es eine Chance kriegt, lebendig zu sein. Denn wenn die Menschen zuerst kommen, dann ist es so: Der Mensch ist reingekommen und das Objekt liegt halt da und dann wird es bewegt. Deswegen war mir das unfassbar wichtig. Und deswegen haben wir alles Mögliche gemacht - damit das Ding ein Subjekt wird.

Leonie Frühe

Für mich als Zuschauerin  spielte auch die Musik eine essenzielle Rolle, um die Atmosphäre während des Stückes zu erzeugen. Joël, wie gehst du vor bei der Produktion? Laufen die Prozesse „Choreografie“ und „Musik“ parallel?

Joël Beierer

Die Herangehensweise war dieses Mal wirklich sehr prozesshaft und ich habe versucht, die Musik immer zu integrieren. Ich habe versucht, Stimmungen zu kreieren. Musik nimmt für mich da eine Soundtrack-Ebene ein. Ich wusste, ich schreibe eigentlich Filmmusik hier in diesem Fall.  Und Filmmusik entwickelst du auch nicht gemeinsam mit dem Film, sondern die kommt in der Regel am Ende drauf. Und so war es hier auch. Dadurch, dass ich in der künstlerischen Leitung bin und das Glück hatte, das Stück mitzuformen, wusste ich ungefähr, wo ich welche Atmosphäre vielleicht haben will. Dann mache ich mir Notizen, schreibe zum Beispiel; das ist bedrohlich. Dann ist die Frage, möchte ich es konterkarieren oder möchte ich es unterstützen – also eine dramaturgische Frage. Die Musik selbst habe ich erst relativ am Ende des Prozesses geschrieben. Ich mag es, mit Beschränkungen zu arbeiten - im Endeffekt sind 70 Prozent der Sounds nur vom Cyr wheel. Das schafft halt eine schöne Kohärenz, was ich mag.
Und am Ende des Prozesses kommt dann alles zusammen. Die Anfangsszene zum Beispiel, das staccato-artige, rhythmische, musikalische Mit-Lichtunterstützung- Funktionieren: Hier wird das Auge immer Muster finden. Dein Auge wird Muster finden, weil es Muster will. So funktioniert es eben. Und natürlich haben wir dann, als die Musik stand, daran gearbeitet, Bewegungen darauf zu schärfen und uns bestimmte Highlights gesucht.

Für mich ist es eine Praxis von Wahrnehmung, von Präsenz, von Fühlen. Das ist das, was mich an den Objekten interessiert

Sandra Hanschitz
Leonie Frühe

Du hast eben das Wort „bedrohlich“ verwendet. Seht ihr in der Subjekt-Objekt- Beziehung etwas Bedrohliches? Bedroht von einer Verdinglichung? Dem gegenübergestellt ist vielleicht auch die Frage nach Lebendigkeit, die ihr im Stück stellt.  

Heidrun Neumayer

Besonders das fand ich im Prozess sehr spannend, was aber auch irgendwie logisch ist: Das, was der Künstler ausdrücken mag und seine bestimmte Idee dazu, ist nicht immer unbedingt genau das, was die Menschen im Publikum dann sehen oder wahrnehmen. Und ich glaube, dass wir alle drei grundsätzlich das gleiche Verständnis hatten, worum es gehen soll und was die Richtung ist, dass aber trotzdem jeder und jede von uns so seine eigene Prise an Perspektive dabeihatte.  Das ist zwar dann vielleicht im Miteinander-Arbeitskontext manchmal spannend, weil man das Gefühl hat, man versteht unterschiedliche Dinge. Aber im Endeffekt, glaube ich, bringt das dann auch so eine gewisse Farbe mit rein. Und für mich hat Lebendigkeit ganz viel mit Spüren zu tun und im Moment sein.

Sandra Hanschitz

Noch kurz zur Bedrohlichkeit: Ich finde tatsächlich sehr wohl, dass das Ding bedrohlich ist oder sein kann.  Also natürlich gebe ich einen Impuls - aber wenn das Cyr wheel dynamisch im Raum herum eiert, ist es einfach ein Stück Stahl, das eine richtige Wucht hat, wenn es auf einen Menschen trifft.

Leonie Frühe

Wie schwer ist es?

Sandra Hanschitz

Vierzehn Kilo hat der Ring ungefähr. Von uns, die auf der Bühne stehen, hat jede eine Vorstellung davon, wie es sich anfühlt, wenn man vielleicht nicht ganz aufmerksam war und nicht mehr rechtzeitig ausweichen konnte. Das ist wirklich ein Prozess, es zu verstehen, sich darauf einzulassen, es lesen zu lernen. Was passiert eigentlich mit meinem Impuls, den ich rein gebe, wie äußert der sich durch das Objekt? Was kommt dabei raus? Nach meinen Erfahrungen ist es in den meisten Fällen so: Was ich rein gebe, kommt auch wieder zurück. Wenn ich einen starken Impuls gebe, kommt auch eine starke Antwort. Und wenn der Impuls sanfter, runder, weicher ist, dann wird es die Bewegung aufnehmen. Und ja, so entsteht für mich vielleicht Lebendigkeit im Dialog und in der Aktion. Wirklich dieses feinfühlige Spüren, Lesen, Präsent-Sein. Es entsteht eine Wechselwirkung: Ich gebe etwas rein und bekomme eine Antwort. Ich antworte dann wieder darauf. So entsteht sozusagen der Tanz mit dem Objekt.

Joël Beierer

Anknüpfend an die Frage, was Lebendigkeit überhaupt ist und was darin das Interesse: Für mich ist das eine offene Frage. Wir haben dafür Kategorien: Herzschlag und Nervensystem sind Dinge die wir in der Biologie versuchen damit zu verknüpfen. Was aber in einem Performance-Kontext interessant ist: Wie zeigt sich Lebendigkeit, wie fühlt sie sich an? Wie kann man etwas, wovon man weiß, dass es per se nicht lebendig ist, lebendig werden lassen?

Leonie Frühe

Das Cyr Wheel bildet den materiellen Ausgangspunkt. Und steht als Repräsentant - für was?

Joël Beierer

Es wird nur dann für mich interessant, wenn das auch irgendwas Transzendentes hat, was aus dem Raum rausführt. Also es kann „so“ auch schön sein, aber mein Wunsch ist schon, dass es noch eine weitere Ebene bekommt. Und das Cyr Wheel steht einfach für die dingliche Welt, der wir keine Handlungsmacht zuschreiben, von der wir sagen: Wir benutzen sie wie Werkzeuge oder aber sie ist nur Kulisse. Es steht gleichermaßen für die Umwelt, die uns in der Klimakrise immer mehr vor Augen führt, wie abhängig wir sind. Eigentlich geht es darum, Abhängigkeiten aufzuzeigen: Guck mal, wir sind abhängig und die Message ist: Es ist überhaupt nicht schlimm. Lass es uns einfach anschauen. Es ist sogar schön, da steckt ein unfassbares Potential für Begegnung, für echte Erfahrung drin. Das, was Sandra eben auf der physischen Ebene beschrieben hat, das, was die Tänzerinnen fühlen: im Dialog zu sein, dass diese Schönheit und diese Kraft, die da drinsteckt, betont wird. Zu sagen: Guck mal, das steckt nicht nur da drin, wenn die mit dem Cyr wheel tanzen, sondern das ist eigentlich unsere Beziehung zur Welt. That's reality. 

Sandra Hanschitz

Ich denke darüber wenig theoretisch nach. Dadurch, dass ich mich sehr viel mit dem Körper beschäftige, ist es für mich etwas, das für mich mit einem sehr persönlichen Wahrnehmungsprozess zu tun hat. Es ist zum Beispiel wirklich ein Nachforschen: Was kann ich eigentlich alles spüren? In unserem Fall haben wir mit dem Cyr wheel gearbeitet, aber dieselbe Frage stellt sich auch, wenn ich einen Computer anfasse, auf einem Stuhl sitze oder was auch immer.  Wie sehr kann ich mich verbinden oder gegen etwas wehren, wann wird etwas ungemütlich, wann entsteht irgendwas im Konflikt und wo entsteht auch Verbindung, wo entsteht Synergie. Für mich ist es eine Praxis von Wahrnehmung, von Präsenz, von Fühlen. Das ist das, was mich an den Objekten interessiert. Und natürlich ist es etwas, das Zeit braucht, um geschult zu werden. Die Wahrnehmung wird immer feiner und das finde ich super spannend.

Heidrun Neumayer

Ich stehe zwar nicht auf der Bühne, aber ich habe ja auch einen Bewegungshintergrund und deshalb ist es für mich jedes Mal interessant, im Außen zu sein und zu beobachten, wie unterschiedlich es sich im Innen anfühlt und im Außen ausschaut.  Das geht oft in komplett unterschiedliche Richtungen. Ich kann mich erinnern, dass Joël und ich uns oft einig waren „ah ja genau, das ist die Richtung, in die es gehen soll“. Und im Innen war es so, „Ja aber es fühlt sich irgendwie komisch an.“ Und da diese Brücke herzustellen, das ist dann oft wirklich die Challenge. Ich glaube, bei mir war es manchmal eine Wechselwirkung von: Es gibt quasi eine Kopf-Idee, in welche Richtung es gehen soll, man arbeitet vom Bewegungsmaterial aus bewusst in diese Richtung.  Und dann gibt es ja noch die umgekehrte Richtung, wo das Spüren im Vordergrund steht oder wo man quasi im Innen schaut, was ist die Intention: Mit dieser Intention geht man in der Bewegung rein und schaut, ob sich das im Außen widerspiegeln lässt.

Joël Beierer

Ich glaube, das ist auch die Stärke unserer Zusammenarbeit: Es zielt nochmal auf diese Prozessfrage, also dieses Spiel vom Außen ins Innen zu bringen. Dieses Spiel vom Außen ins Innere, das war schon manchmal eine Herausforderung. Natürlich bedeutet es auch Reibung, weil du da immer wieder an kommunikative Reibungsmomente kommst, wo Wahrnehmungen unterschiedlich sind. Aber ich glaube, genau das ist die Stärke unserer Arbeit.  Das Konzept wäre leer, wenn Sandra oder die Tänzerinnen nicht diese innere Erfahrung machen und wir nicht versuchen würden, das wieder mit ins Außen zu nehmen.

Das Cyr wheel allein funktioniert ja nicht. Da muss ich irgendeinen Impuls geben damit etwas damit passiert. Im menschlichen Körper ist es aber im Grunde das Gleiche. Das eine ist zwar auf eine gewisse Art und Weise leblos als Zellkörper. Aber Impuls braucht alles, was in Bewegung geht

Heidrun Neumayer
Leonie Frühe

Das „Objekt“ und die Tänzerinnen agieren gemeinsam. Könnt ihr etwas zu der Beziehung der Tänzerinnen untereinander sagen?  

Heidrun Neumayer

Ehrlicherweise hätte ich mich schwerer getan mit einer 1 zu 1 Situation, also im Sinne von ein Cyr wheel, eine Person. In meinen eigenen Arbeiten arbeite ich immer ganz viel mit Gruppen, mit mehreren Personen. Hier sieht man drei Frauen und ein Cyr wheel -  aber eigentlich ist es ein Quartett. In diesem Kontext funktioniert das eine ohne das andere nicht. Das Cyr wheel allein funktioniert ja nicht. Da muss ich irgendeinen Impuls geben damit etwas damit passiert. Im menschlichen Körper ist es aber im Grunde das Gleiche. Das eine ist zwar auf eine gewisse Art und Weise leblos als Zellkörper. Aber Impuls braucht alles, was in Bewegung geht. Gerade diese Trio-Geschichte fand ich im Sinne von diesem Transport der Personen sehr spannend. Dieses Gewichtgeben und -Nehmen steht für mich immer für Selbstverantwortung und Fremdverantwortung. Und die Frage: wie viel davon? 

Leonie Frühe

Gibt es  Pläne für die Zukunft, die ihr mit uns teilen könnt? Gibt es etwas, das wir im Interview nicht angesprochen haben und das ihr hinzufügen möchtet?

Sandra Hanschitz

Plan ist, das Stück zu touren, also zu spielen. 

Joël Beierer

Es war unser Plan, also von der Zusammenarbeit von Sandra und mir, schon im Vorgängerstück („IIIII“) etwas zu produzieren, was auch nachhaltig ist, was auch wieder aufgeführt werden kann. Wir wollen damit auf Tour gehen, wir wollen damit Leute erreichen. Man bekommt ja auch Fördermittel usw. und ich sehe mich als Künstler auch in der Verantwortung, etwas zu produzieren, was Leute erreicht. Und deswegen haben auch praktische Aspekte immer eine Rolle gespielt: Wie schafft man etwas, was auch Tour-fähig ist? Ich bin gerade in der Booking-Saison für 2026. Wir haben aus „still dependent“ auch ein Outdoor-Stück gemacht, „still interwoven“.  Da verschiebt sich der Fokus ein bisschen. Wir haben drei Tänzerinnen auf der Bühne, wir haben kein hängendes Objekt mehr, spielen da gerne 360 Grad und wollen damit Outdoor-Festivals und Straßen-Performances erreichen. Kurzversion für draußen setzt auch auf Publikumsinteraktion. 

Heidrun Neumayer

Eine Sache, die mir noch wichtig wäre, weil wir ja auch nachhaltig arbeiten möchten: Wir haben echt Glück gehabt mit der Unterstützung, die wir bekommen haben, an Fördergebern und auch von verschiedenen Festivals und so weiter. Ich weiß, dass das keine Selbstverständlichkeit ist. Und ja klar haben wir gut gearbeitet - aber das hat dieses gute Arbeiten halt einfach auch möglich gemacht. 

Hanschitz & Beierer / Neumayer