CPA 25 Interview: Doris Uhlich

„Der Spielplatz als Kick-off für das Spiel des Lebens“: Doris Uhlich über Melancholie, Nacktheit und die Vielfalt der Körper
Doris Uhlich

(c) Alexi Pelekanos

Interview: Alina Brandstätter

Der Spielplatz als Miniaturwelt, als Trainingsfeld für Fantasie, Wettbewerb und gesellschaftliche Regeln: In melancholic ground kehrt Doris Uhlich an diesen Ort zurück, um Normierungen sichtbar zu machen und Melancholie nicht als Rückzug, sondern als kollektiven Schwebezustand erfahrbar zu machen. Für das CPA Festival präsentiert sie das Stück in einer alternativen Form gemeinsam mit vier Performer*innen und Videomaterial.

Alina Brandstätter

Ich habe dein Stück „Come Back Again“ beim diesjährigen Impulstanz-Festival gesehen – ein sehr berührendes, intimes Stück mit Susanne Kirnbauer und dir auf der Bühne. Gleichzeitig arbeitest du auch mit größeren Gruppen, wie bei „melancholic ground. Was reizt dich am Wechselspiel zwischen Intimität und Kollektivität – in der Gruppengröße und inhaltlich?

Doris Uhlich

Ich glaube, es sind zwei verschiedene Blicke auf Menschen, Gesellschaft und Themen — ob man sich mit einer Gruppe, mit einem Gruppenkörper auseinandersetzt und mit der Frage nach Individualität in der Kollektivität oder ob man einem Solo oder Duett zuschaut. Beim Gruppenstück ist man viel mehr in einem Wimmelbild unterwegs und switcht zwischen Individuen hin und her. Es sind einfach andere Dinge möglich mit einer Gruppe als mit einer Tänzerin oder mit zwei. Man zoomt bei wenigen Menschen viel mehr in eine Biografie oder Persönlichkeit hinein; in einer Gruppe hat man einen größeren Korpus, mehr Individuen, noch mehr Geschichten. Es hängt auch von den Energieressourcen ab — nach „Habitat / Halle E“ mit 120 Performer*innen wollte ich z.b. im kleinsten Raum im Tanzquartier Wien mit zwei Performer*innen arbeiten, die ich schon länger kannte. Ich konzentriere mich dann auf wenige Körper und bin nach dem intimeren Prozess wieder energiegeladen für eine große Gruppe. Für mich ist klar: Das Leben ist kein Solo, das Leben ist ein Ensemblewerk. Deshalb finde ich es wichtig, immer wieder Projekte mit vielen Teilnehmenden zu initiieren.

Alina Brandstätter

Du arbeitest oft mit ganz unterschiedlichen Menschen. Wie findest du deine Performer*innen – vor allem, wenn sie keinen Tanzhintergrund haben?

Doris Uhlich

Ich gebe sehr viele Workshops, auch für Menschen ohne oder mit wenig Tanzerfahrung. Ich spreche Menschen auch auf der Straße an. Oft finde ich sie auch über Bekannte — ich bin da sehr offen und breit aufgestellt. Meistens ist es so, dass mir die Menschen begegnen, sie kommen auf mich zu. Und je nach Thema suche ich bestimmte Menschen, mit bestimmten Biografien und Hintergründen an körperlichen Einschreibungen.

Alina Brandstätter

melancholic ground beschäftigt sich mit Spielplatzbauten jenseits gewohnter Funktionen und damit, Melancholie als kollektives Gefühl erlebbar zu machen. Wie hast du diesen Zustand choreografisch gedacht oder übersetzt?

Doris Uhlich

Es ist wie ein aktiver Schwebezustand von Körpern, den ich übersetze. Ich verwende die Spielgeräte anders, als sie normalerweise verwendet werden — ich entwende und bringe dem Spielplatz und den Spielgeräten eine andere Funktion, erweitere sie mit anderen Funktionen oder mit keinen Funktionen. Ich gehe auch ran mit einer Verlangsamung der Bewegung. In dem Wechselspiel von Vereinzelung und Begegnung der Tänzer*innen, von  Alleinsein und Wieder-Zusammenkommen entsteht ein melancholisches Feld.
Auch der Soundtrack gibt dem Spielplatz eine bestimmte Atmosphäre. Boris Kopeinig hat einen sehr interessanten Soundtrack zusammengestellt, wo Melancholie nicht nur als Schwere und Verlangsamung hörbar wird. Melancholie ist für mich auch unglaublich lebendig, denn innerlich kreisen die Gedanken und vielleicht auch Zweifel an der Welt.

Für mich ist klar: Das Leben ist kein Solo, das Leben ist ein Ensemblewerk. Deshalb finde ich es wichtig, immer wieder Projekte mit vielen Teilnehmenden zu initiieren

Doris Uhlich
Alina Brandstätter

Das Stück ist also für den Spielplatz konzipiert. Was interessiert dich an diesem Ort?

Doris Uhlich

Das Stück lässt sich für verschiedene Spielplätze adaptieren. Die Spielgeräte sind meistens ähnlich — Schaukel, Wippe, Rutsche. Gerade das ist interessant, weil es ein wahnsinnig genormter Ort ist: Es geht bergab, es geht bergauf, und es geht schaukelnd und wippend dahin. Ich habe mit meiner Nichte und meinem Neffen viel Zeit auf Spielplätzen verbracht. Als Künstlerin hatte ich plötzlich die Intuition, dass der Spielplatz ein sehr aufgeladener Ort ist, vor allem mit Projektionen in die Zukunft. Da spielen junge Menschen, bei denen ich mir oft gedacht habe: Hoffentlich macht ihr es mal besser als wir.

Alina Brandstätter

Weißt du, wie sich Spielplätze historisch entwickelt haben?

Doris Uhlich

Im Zuge der Industrialisierung spielten Kinder in den Städten zunächst auf der Straße. Als der Autoverkehr zunahm, wurde es gefährlicher und es wurden abgegrenzte Orte gebaut — auch, weil viele Kinder überfahren wurden. Die Spielgeräte sind oft genormt, vor allem aus Sicherheitsgründen. Daneben gibt es die eher kreativen Anlagen, wie Sandspielplätze, bei denen es weniger um Sportlichkeit geht, sondern mehr um Kreativität und Fantasie. Man sieht darin verschiedene Ansätze — je nachdem, ob der Fokus stärker auf dem Eigensinn der Kinder liegt oder auf klassischen Geräten.

In Wien gibt es auch ein paar barrierefreie Spielplätze. Barrierefrei bedeutet in diesem Fall allerdings meistens nur, dass der Zugang barrierefrei ist; extra Spielgeräte für Kinder im Rollstuhl gibt es keine. Sie versuchen, mit den üblichen Geräten mitzuspielen.

Alina Brandstätter

Du hast mit dem Dramaturgen Adam Czirak zusammengearbeitet; er hat auch das Buch „Melancholic Resistance“ geschrieben. Hattest du die Idee zu diesem Projekt schon vorher – und was genau hat dich daran interessiert?

Doris Uhlich

Ich hatte vorher schon die Idee. „melancholic ground ist der zweite Teil meiner Melancholie-Trilogie — davor gab es schon ein Stück mit dem Titel „stuck“, danach „SONNE“. Melancholie war schon länger ein Zustand, der mich interessiert hat. Versteht man die Melancholiker*in als aktive Person, die auf etwas vielleicht auch unbewusst reagiert, dann ist es auch eine politische Figur, die sich mit einer Gegenströmung oder Gegenbewegung in eine andere Geschwindigkeit begibt und plötzlich woanders landet — nicht in einer Depression, Passivität oder Blockade, sondern in einem aktiven Schwebezustand der Reflexionen, des Nachdenkens und Zirkulierens von Fragen, die man sich selbst und der Gegenwart stellt.

Alina Brandstätter

Daran zeigt sich schon ein gewisser theoretischer Hintergrund. Wie entsteht bei dir in der Regel die künstlerische Grundlage – geht die Theorie dem Prozess voraus, oder wächst sie erst darin?

Doris Uhlich

Zuerst ist es ein Bauchgefühl, etwas, das ich wahrnehme — in meinem Umfeld oder an mir selbst. Melancholie ist auch ein gewisses Tabuthema, etwas, das man sehr alleine durchlebt. Ich habe mich gefragt, wie man das kollektiv erlebbar machen kann oder Zustände ins Rampenlicht bringen kann, ohne sie zu formalisieren, aber mit einer choreografischen Umsetzung eines Gefühls, eines Bedürfnisses. Meist beginne ich dann, die Theorie zu recherchieren. Es kann auch sein, dass ich zuerst ein Buch lese und dann meine praktische Hinterfragung dessen beginnt, was das in mir auslöst. Eine performative Umsetzung ist etwas anderes als ein Buch über etwas zu lesen. Körperlichen Ausdruck, Umsetzung, Übersetzung für etwas zu finden, das man in der Theorie recherchiert, ist eine komplett andere Aufgabe und Herausforderung.

Alina Brandstätter

Wie arbeitest du konkret mit den Performer*innen, also wie viel an klarer Vision bringst du mit und was entsteht im Prozess?

Doris Uhlich

Es gibt Improvisationsimpulse von mir, die stehen meistens in einem Notizbuch. Mit diesen Impulsen wird ausprobiert. Bei „melancholic ground kann ich als Choreografin von außen beobachten. Es entsteht ein lebendiger Prozess mit meinen Notizen, meinen Ideen und ein Austausch mit den Performer*innen. Dann geht’s darum, was stimmig ist und wo andere „andocken“ können. Letztendlich performen sie und nicht ich. Es entstehen Bewegungsmaterialien und Situationen im Moment, und ich versuche die Essenzen herauszukristallisieren — da, wo ich merke, dass der bzw. die Performer*in zu dem Material steht und dass es sich nach außen für Betrachter*innen übersetzt. Das ist meine Aufgabe.

Alina Brandstätter

Zwar nicht in „melancholic ground, aber in anderen Stücken arbeitest du mit Nacktheit – wie gehst du dabei mit Scham und Vulnerabilität um?

Doris Uhlich

Ich habe einen sehr unverkrampften Zugang zur Nacktheit und ziehe mich in Proben oft mit aus, vor allem am Beginn. Ich habe Techniken und Methoden entwickelt, damit es unverkrampft startet und bleibt. Damit kommt man weniger in Momente, in denen man sich selbst oder andere visuell betrachtet, sondern die Wahrnehmung für sich und für andere erweitert und es um mehr geht als ein äußeres Erscheinungsbild. Es geht um die Energie eines Körpers und wie er sich bewegt, wie jeder Mensch im eigenen Körper zu Hause ist und sich mit dem eigenen Körperhaus ausdrücken will und kann. Es geht mehr darum, wie sich eine Bewegung anfühlt, nicht wie sie ausschaut. In solchen Prozessen kommt es oft zu Umkehrungen — wo zum Beispiel eine schlankere Frau zu einer Korpulenten sagt, sie hätte gern ihren Popo, weil der so schön schwingt. Man geht in die Fülle an Bewegungsmöglichkeiten, die ein nackter Körper bietet. Das wirkt oft sehr lösend von gesellschaftlichen Codes und Kategorien.

Aber bei „melancholic ground geht es nicht um Nacktheit, sondern um etwas anderes. Das Stück würde nackt überhaupt keinen Sinn.

Melancholie ist auch ein gewisses Tabuthema, etwas, das man sehr alleine durchlebt. Ich habe mich gefragt, wie man das kollektiv erlebbar machen kann oder Zustände ins Rampenlicht bringen kann, ohne sie zu formalisieren, aber mit einer choreografischen Umsetzung eines Gefühls, eines Bedürfnisses

Doris Uhlich
Alina Brandstätter

Wer steht bei „melancholic ground auf der „Bühne”, und worum geht es dir inhaltlich?

Doris Uhlich

Performer*innen unterschiedlichster Generationen, wovon ich einige schon sehr gut aus früheren Arbeiten kannte. Es geht stark darum, wie normiert Spielgeräte sind und welche Körper ausgeschlossen sind. Es geht um die Frage der Erziehung. Das Tolle an der Performance ist, dass während man zuschaut, viele Fragen im Kopf spazieren gehen: wie prägend die Kindheit ist, inwieweit Wettbewerb und Vergleichen in Form von Geräten schon am Spielplatz angelegt sind oder welche sozialen Spielchen dort stattfinden, die man später in anderer Form weiterspielt.

Alina Brandstätter

Wie entscheidest du über Orte, an denen du arbeitest? Vor allem, wenn es nicht das Thema ist, das den Ort vorgibt.

Doris Uhlich

Oft gab es ein Bühnenstück, und dann überlege ich, wo es noch stattfinden könnte oder wo es thematisch hinpasst — z.B. „SUN site specific" im Skisprungstadion, ein Ort, der sich schneereiche Winter wünscht, aber an dem die Klimakrise nicht vorbeizieht. Für das Stück „TANK“ kam die Idee, in der Anthropologischen Abteilung im Naturhistorischen Museum zu performen. Oft entsteht aus einem Bühnenstück heraus die Vision und der Wunsch, es in eine ortsspezifische Performance zu transformieren. Es gibt auch Orte, die ich gerne „körpern“ würde. Dieses Wort, das Verb „körpern“, gibt es leider noch nicht. Aber Orte wie bei „Habitat“ mit nackten Menschen werden dadurch anders belebt, kontrastiert oder erweitert; es kann eine temporäre Aneignung stattfinden. Es gibt unterschiedliche Zugänge — entweder ist schon ein ortsbezogenes Interesse da, oder Veranstalter*innen kommen auf mich zu und sagen: „Wir hätten da einen coolen Ort, fällt dir eine Performance dazu ein?“

Alina Brandstätter

Welche Rolle spielt für dich das Publikum – wen willst du erreichen, gerade bei ortsspezifischen Arbeiten?

Doris Uhlich

Meine Arbeiten sprechen die Leute an, die das Thema interessiert oder die grundsätzlich Interesse an meiner Arbeit haben. Es gibt Vorankündigungen, dann kommen jene, die sich angesprochen fühlen. Bei site-specific Performances ist es interessant, weil auch Publikum überrascht wird, das zufällig vorbeikommt. Oft mischt sich das Publikum, das extra für die Performance kommt, mit Leuten, die zufällig vorbeigehen. Es ist schön, dass eine Vermischung stattfindet und man in Kontakt mit Menschen gerät, die sonst nicht ins Theater oder mit meiner Arbeit in Berührung kommen würden. Ich finde es toll, dass das möglich ist, wenn man den Bühnenraum verlässt.

Alina Brandstätter

Du arbeitest seit fast 20 Jahren in diesem Bereich. Was hat sich verändert — hinsichtlich deiner Beziehung zum Publikum, Kontexten und der Szene?

Doris Uhlich

Als ich anfing, war beispielsweise das Thema Diversität noch nicht so präsent; auch auf der Bühne war weniger Diversität zu erleben. Ich hoffe mit einigen Arbeiten habe ich etwas dazu beigetragen, dass da etwas voranging. Das Internet hat natürlich viel verändert — wie man zu Informationen kommt und wie sich Informationen ausbreiten, auch wie Marketing von Künstler*innen funktioniert; die Geschwindigkeit hat zugelegt. Bilder verbreiten sich schneller; oft weiß man schon vor einer Performance, wie die Bilder ungefähr ausschauen, die man sehen wird. Ich glaube, man ist heute viel diffuser präsent, was auch toll ist, weil mehr Menschen in kurzer Zeit von dir wissen. Prinzipiell sind Arbeiten medienübergreifender, interdisziplinärer geworden — auch in der Tanzperformance-Welt.

Alina Brandstätter

Von dir stammt der Satz: „Ich begreife den Körper als ein wandelndes Körperarchiv, in dem die eigene Biografie wie auch die Biografie der Welt eingelagert ist.“ Was spiegelt der aktuelle Zeitgeist darin – was zeigt der gegenwärtige Moment?

Doris Uhlich

Es ist keine Zeit, die nach Aufbruch schreit. Es ist eine Zeit, in der man eher das Gefühl hat, bestimmte Dinge, die man sich wünscht, implodieren. Das betrifft alle: durch Sparpakete, budgetäre Löcher; wir sind in einer Zeit von Krieg, Konflikt und einem Rechtsruck. Das schreibt sich in Körpern ein. Insofern würde ich sagen, dagegen antanzen geht noch, wenn man die Kraft hat — das ist mein persönlicher Wunsch und Zugang. Ich glaube, es ist gerade nicht die Zeit, wo einem alle Türen offen stehen. Kunst und Kultur stehen oft nicht an erster Stelle. Wenn Kunstsparten gekürzt werden und Menschen aufhören, Künstler*innen zu sein, weil sie es sich nicht mehr leisten können, hat das Nachwirkungen auf nachfolgende Generationen. Alles was wir uns erarbeitet haben an Errungenschaften — beispielsweise an feministischen usw. — gilt es hochzuhalten und zu bewahren.

Alina Brandstätter

Was steht bei dir demnächst und langfristig an – und was wünschst du dir für die Zukunft?

Doris Uhlich

Nächste Woche geht es mit „Come Back Again“ nach Glasgow. Dann bin ich in den Münchner Kammerspielen für eine Schauspielproduktion. Und weit in die Zukunft gedacht: Toll wäre, eine Tanzkompanie, ein Tanzensemble in Wien zu gründen. Auch eine Tanzschule Uhlich vielleicht. Und sonst, dass die Kunst weiterhin — wie es auf der Sezession steht – „frei“ ist und keine Reglementierungen vorgeschrieben bekommt. Dass zeitgenössische Geister präsent bleiben und es eine Parallelität von Tradition und zeitgenössischer Kunst gibt, ohne Bewertungsmechanismen, die ausradieren.

Alina Brandstätter

Zum Abschluss: Was ist für dich das Wesentliche an „melancholic ground – und gibt es etwas, das in dieser Arbeit neu war?

Doris Uhlich

Ich finde den Moment ganz interessant, wo der Raum beginnt, sich in den Körpern einzulagern und das auch über Kostüm sichtbar wird — dass man selbst zum Spielgerät wird, mit dem gespielt werden kann. Man kann sich dann die Frage stellen: Wie spielen wir Erwachsene eigentlich weiter? Welche Rollenspiele gibt es? Welche Machtspielchen? Welche gesellschaftlichen Spiele? Ich glaube, der Spielplatz ist der Kick-off für das Spiel des Lebens — oder dafür, wie wir alle miteinander weiterspielen. Das Kostümelement ist für mich ein interessanter Schritt gewesen, das auch zu visualisieren — in Kostümen und einem Bühnenbild auf dem Körper. Man wird selbst zur Schaukel, auf der man sitzen kann, zur Wippe, auf der andere wippen können.

melancholic ground zeigt auch, wie man sich gegenseitig beginnt zu vergleichen, zu messen, und welche Methoden zu messen es gibt — wie diese klassische Aufstellreihe im Turnunterricht: „Stellt euch der Größe nach auf.“ Ich habe als Kind nie genau verstanden, warum ich wissen muss, wer größer oder kleiner ist. Ich finde, „melancholic ground wirft Fragen auf, wo wir und wann wir beginnen, eingeordnet zu werden, oder es uns anerzogen wird, uns in bestimmte Kategorien der Messbarkeit einzufügen.

Alina Brandstätter

Deine Performance zeigt also, wie ich diese Spielgeräte anders nutzen oder dekonstruieren kann – und wie absurd es eigentlich ist, dass da genau ein Trampolin steht, das uns anzeigt, dass wir hier springen sollen.

Doris Uhlich

Ja, und das ist genau das Coole an „melancholic ground: Es geht über die Spielgeräte hinaus. Wir haben ständig mit Geräten oder Ideen zu tun, die auf den Markt kommen oder die vorgeschlagen werden als das beste Produkt, und wir nehmen das oft ungefragt an, eignen es uns an. „melancholic ground nimmt sich die Freiheit — oder auch das Vergnügen und die Lust -, Dinge zu entwenden und nicht nur so anzunehmen, wie sie vorgelegt werden. Insofern geht es um die Möglichkeit, die jede*r von uns hat, Dinge umzudrehen oder aus anderen Blickwinkeln zu betrachten.

Bei „melancholic ground ist es wie bei Susanne Kirnbauer in „Come Back Again“: In dem Stück geht es eigentlich darum, mit sehr spezifischen körperlichen Einschreibungen — einem körperlichen Archiv, einer Geschichte, einer Disziplinierung von damals — umzugehen. Aber letztendlich kann man sich als Publikum mit ihr verbinden, auch wenn man keine Ballerina war oder ist. Denn es geht um Leistung — wir müssen alle leisten — und es geht um einen bestimmten Umgang mit Hierarchien oder Erwartungshaltungen an sich selbst, weiters um das Thema Älterwerden und den Mut, einen neuen Weg einzuschlagen, wenn man merkt, da geht es nicht mehr weiter. Es geht darum, sich Mut und Neugierde zu bewahren, auch wenn man älter wird.

Ich finde, es geht um viel mehr als um eine Ballettabhandlung in und mit einem alten Körper. Und ähnlich ist es bei „melancholic ground: Es findet zwar auf einem Spielplatz statt und man schaut den Performer*innen zu. Aber es geht darüber hinaus – indem man als Publikum mit sich selbst in Kontakt kommen kann, mit einem Thema, das den eigenen Körper betrifft, und nicht nur den Körper der anderen.