CPA 25 Gastbeitrag: Über das Choreografische von Wilhelmina Masur

Was bedeutet Choregrafie jenseits des Tanzes? Ein Essay in Kooperation mit tanznetz und der Abteilung Musik- und Tanzwissenschaft der Paris-Lodron-Universtität

Sasha Portyannikova: parsley for garnish (c) Raphael Mittendorfer

Gastbeitrag

tanznetz & Paris Lodron Universität: Musik- und Tanzwissenschaft

Zwar wird allgemein angenommen, dass Choreografie untrennbar mit der Kunst des Tanzes verbunden ist, doch die Choreographic Platform Austria (CPA) beweist das Gegenteil. Das Festival präsentiert elf Performances aus verschiedenen Bundesländern, in denen Tanz nicht immer in seiner technisch geprägten Form vorkommt. Tanz und Choreografie überschneiden sich, sind jedoch nicht identisch: Choreografie bedeutet nicht unbedingt eine tänzerische Darbietung. Am Beispiel der Performances "parsley for garnish" von Sasha Portyannikova und "melancholic ground" von Doris Uhlich sehen wir, wie Bewegungen und Handlungen im Bühnenraum zu interdisziplinären künstlerischen Ausdrucksformen werden.

Über das Choreografische

In "parsley for garnish" unterteilt Sasha Portyannikova das Stück in drei Teile. Im ersten und letzten Teil erzählt sie durch Bewegungen des klassischen, russischen Volkstanzes und des zeitgenössischen Tanzes von ihren Tanz- und Lebenserfahrungen. Der mittlere Teil ist der Figur Petruschka aus russischen Märchen gewidmet. Portyannikova bringt die Ungereimtheit, Verwirrung, Fröhlichkeit und Traurigkeit der Figur durch ihren „gebrochenen Puppenkörper” zum Ausdruck. Ihre Knie sind oft zueinander gerichtet und ihre an den Ellbogen gebeugten Arme hängen, als wären sie an unsichtbaren Fäden aufgehängt. Mal springt sie abrupt, zieht die Beine an und streckt die Arme wie zwei Seiten, die nicht zu ihr gehören. Dann sitzt sie innerlich ausgebrannt auf dem Boden, die Beine seitlich ausgestreckt.


Vor der Aufführung erhält jede*r Zuschauer*in einen Umschlag mit Karten mit Fragen zur Emigration verteilt – einem für Portyannikova bedeutsamen Thema, da sie selbst nach Österreich ausgewandert ist. Wenn auf der Wand die Aufforderung erscheint, eine Karte zu ziehen, werden die Zuschauer*innen gebeten, die Frage zu beantworten. Bei einer Antwort mit „Ja” wechseln sie ihren Platz im Zuschauerraum, mit „Nein” bleiben sie dort, wo sie sind. Das Format der Fragen, die mit Handlungen verbunden sind, zwingt dazu, besonders ehrlich zu sich selbst zu sein. Portyannikova schlägt dem Publikum vor, choreografiert zu werden, und erstellt nicht nur eine Choreografie für sich selbst. Portyannikovas körperlicher Text, der auf Tanzbewegungen basiert, regt zusammen mit den Antworten auf diese Fragen zur (Selbst-)Reflexion an. So verbinden sich Tanz- und Performancepraktiken, und es wird zum Nachdenken angeregt, dass sich jede*r Emigrant*in irgendwann einmal so verletzlich und fröhlich wie Petrushka gefühlt hat.  Insbesondere durch diese Performance äußert sich die CPA politisch.


In Doris Uhlichs Performance "melancholic ground" stehen hingegen verschiedene Körper im Mittelpunkt: behinderte und ältere Menschen sowie professionelle und nicht professionelle Performer*innen. Da die Bühne dieser Performance ein Kinderspielplatz ist, kann sie nicht im Theater gezeigt werden. Uhlich entscheidet sich stattdessen dafür, kurze Ausschnitte der Videoaufzeichnung auf einem der Wiener Spielplätze zu zeigen und einen Public Talk mit vier Performer*innen zu veranstalten. In diesem Stück thematisiert Uhlich das, was in jeder*m von uns innewohnt: die Erfahrung, ein Kind zu sein.


Die Darsteller*innen finden verschiedene Wege, mit den unterschiedlichen Gegenständen auf dem Spielplatz zu interagieren. Sie rutschen langsam die Rutschen hinunter, springen auf dem Trampolin, graben ihre Köpfe in den Sand und tanzen im Kreis. Sie verkleiden sich als Rabe oder Bär, bunte Spinnenbeine und weiche Lufträder werden an Rollstühle angebaut, um die Möglichkeiten, den eigenen Körper zu transformieren und zu erweitern.  


Das Choreografische besteht darin, die Möglichkeiten der Interaktion mit den Spielplatzobjekten mit Hilfe des Körpers zu untersuchen. Dabei geht es darum, sich von den Objekten choreografieren zu lassen und sie zu choreografieren, indem die Strukturen des Ortes verändert und der Raum und Kontext verschoben werden. Die Bewegungen sind ein vorab komponierter Bewegungstext, der dennoch Raum für freie Variationen bei der Darstellung der Handlung mit dem einen oder anderen Gegenstand oder Kostüm lässt. Das bildet die Choreografie der Performance.


In ihrem Namen vermeidet CPA bewusst den Begriff „tänzerisch“, denn Tanz wird dort sehr weit gefasst verstanden. Auf dem Festival können auch Theater- und Performance-Aufführungen gesehen werden, zum Beispiel "and it gets better" von Helena Araújo oder Multigenre-Metaphern mit Rap-Einlagen wie in "THE LAST FEMINIST" von Myassa Kraitt. Ebenso können einzelne Arten von Aufführungen erlebt werden, wie die Lecture-Performance "LOIE" von Claire Lefèvre, die Stimmarbeit und visuelle, interaktive Begleitung miteinander verbindet.


Die CPA zeigt, dass sich das Konzept der Choreografie nicht nur auf den Tanz konzentriert. Beim Festival im Jahr 2025 wurden verschiedene Genres vereint, die dennoch Gemeinsamkeiten aufweisen. In diesen Fällen ist Choreografie die Sprache, mit der Künstler*innen mit ihrem Publikum kommunizieren. Sie verfassen einen kreativen Text, dessen Worte nicht nur als Tanzbewegungen, sondern beispielsweise auch als Neuinterpretation von Verhaltensmustern auf dem Spielplatz durch unterschiedliche Körper oder als Interaktion mit dem Cyr Wheel in der Performance "still.dependent" von Hanschitz & Beierer/Neumayer erscheinen können. Dadurch entsteht ein Raum, der die Beziehung „Choreografie = Tanz” erweitert. Dies führt zu neuen Verbindungen und einem Energieaustausch zwischen Choreograf*innen, Darsteller*innen und Zuschauer*innen.

Gastbeitrag

tanznetz & Paris Lodron Universität: Musik- und Tanzwissenschaft